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Europa-Recherche in der Ukraine:Europa ist ...

Europa-Recherche "Wie ein Loch ins Herz gebrannt" Bilder

Studentinnen über Umsturz in Ukraine

"Wie ein Loch ins Herz gebrannt"

Für junge, gut ausgebildete Ukrainer ist Europa eine Utopie, die sich mit der Realität in ihrem Land nicht verträgt. Ein Besuch auf dem Campus der Kiewer Mohyla-Akademie.

Olena: Ich hatte in Graz einen Freund aus Syrien. Eines Abends sind wir spazieren gegangen und ich sagte: "Graz ist so eine europäische Stadt!" Mein Freund hat gelacht: "Ist dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass du in jedem zweiten Satz das Wort 'europäisch' benutzt? Was meinst du denn damit?" Was ich in dem Moment meinte: Graz hat eine nette Innenstadt, wenig Verkehr. Aber dann ist mir aufgefallen, dass ich "europäisch" für alles benutze, was gut ist: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit. Natürlich weiß ich, dass es auch in Europa Probleme gibt. Aber trotzdem.

Julia: Für mich ist Europa das (sie schlägt mit der Hand von unten gegen den Tisch): In der Ukraine kleben die Leute einfach einen Kaugummi unter den Tisch, weil sie denken, er gehört mir ja nicht. In Finnland denken die Leute eher: Ich benutze diesen Tisch, also gehört er mir auch irgendwie. Und noch was hat sich bei mir verändert. Als ich nach Finnland kam, habe ich haufenweise Kurse belegt, vier bis fünf am Tag. Die finnischen Studenten meinten: Bist du verrückt? Irgendwann habe ich gemerkt: Es gibt noch ein Leben außerhalb der Universität. Ich habe, als ich aus Finnland zurück war, mein Studienfach gewechselt, von Philosophie zu Politikwissenschaften. Meine Mutter hat geweint, als ich es ihr erzählt habe. Und mein Vater sagt heute noch: Du hast drei Jahre verschwendet.

Olena: Ich glaube, dass die Menschen in Europa deswegen freier sind, weil sie mehr Sicherheit haben. In der Ukraine zum Beispiel gibt es kaum finanzielle Unterstützung für Arbeitslose. Außerdem gehen viele aus Scham nicht zum Arbeitsamt. In Österreich hatte ich einen Freund, der sich nach dem Studium arbeitslos gemeldet hat. Er hat genügend Geld bekommen, um zu leben, und Hilfe bei der Jobsuche. Am meisten hat mich aber überrascht, wie selbstverständlich das für ihn war. Er hat ganz nebenbei erzählt: "Ich war heute bei dir um die Ecke, beim Arbeitsamt."

Julia: Die Einstellung zum Staat ist in Europa ganz anders! Die Leute haben das Gefühl: Ich habe ein Recht auf Hilfe. Auf der anderen Seite haben sie auch ganz klare Pflichten. Wenn du in Finnland in einem Restaurant arbeiten willst, brauchst du alle möglichen Lizenzen, musst ein Gesundheitszeugnis vorlegen. Das dauert ewig, aber es ist ganz klar, was du tun musst. In Finnland habe ich auch gelernt, dass "Nein" eben "Nein" heißt und nicht wie in der Ukraine: Wie viel zahlst du?

Olena: Ein Freund von mir aus den Niederlanden hat mich mal gefragt: "Erklärst du mir, was Korruption ist?" Ich hab' mich fast kaputtgelacht. Aber er meinte: "Jetzt mal ehrlich! Mir ist das total fremd."

Europa, eine Utopie

Volodymyr Viatrovych

Volodymyr Viatrovych leitet das Kiewer Institut für Nationales Gedenken.

(Foto: Hannah Beitzer)

"Es ist kein Zufall, dass der Euromaidan diesen Namen trägt", sagt Volodymyr Viatrovych. Er ist 37 Jahre alt, seit Kurzem leitet der Historiker das Kiewer Institut für Nationales Gedenken. In dem Gebäude, wo im Bürgerkrieg, der auf die Oktoberrevolution von 1917 folgte, der berüchtigte bolschewistische Geheimdienst Tscheka seine Gegner folterte, sitzt er nun in einem großen Büro voller schwerer Möbel und serviert Tee. Der Euromaidan, sagt er, habe als Jugendprotest begonnen. Für junge, gut ausgebildete Ukrainer bedeute Europa Freiheit und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Im November stand er neben ihnen auf dem Unabhängigkeitsplatz. Heute geht er dort nicht mehr hin. "Das ist eine schlechte Kopie des Maidan, eine Karikatur dessen, was einmal war", sagt er.

Studenten und Studentinnen wie Korotniuk und Gordijenko, so sieht es Viatrovych, glauben daran, dass von ihnen und ihrem Handeln etwas abhängt. Europa ist für sie nicht die Europäische Union mit ihren Regeln und Problemen, sondern Synonym für eine partizipative Gesellschaft, die sie gerne erreichen würden. Die ältere Generation hingegen sei noch ganz "Homo Sovieticus" - von einer Erziehung beeinflusst, deren oberstes Prinzip war: besser nicht einmischen und einfach nach den Regeln spielen. Die Vorstellung, dass sie als Individuum den Staat beeinflussen können, sei ihnen fremd.

Viatrovych hat bereits die Orangfarbene Revolution von 2004 mitgemacht, als Tausende Ukrainer unter der Führung von Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko gegen Wahlbetrug während der Präsidenschaftswahl auf die Straße gingen und schließlich Neuwahlen erreichten. "Damals wurde einfach das gemacht, was Juschtschenko und seine Leute gesagt haben. So gesehen war die Maidan-Bewegung viel erwachsener als die Orangfarbene Revolution." Anstatt sich darauf zu verlassen, dass irgendein Politiker dafür sorge, dass alles gut wird, wollten die Jungen Verantwortung übernehmen - und sich nicht auf die Politik verlassen. Der Historiker glaubt: Nur so kann die Ukraine ihr sowjetisches Erbe hinter sich lassen.

Julia: Oh ja, das sowjetische Erbe ... Das hält sich in unserer Gesellschaft wie Stahl. Aber hey, wir sind doch ein freies Land, wir sollten unsere Zukunft selbst bestimmen und nicht auf irgendeinen starken Mann warten, der uns sagt, wo es langgeht.

Olena: Die Leute verstehen jetzt, dass sie die Regierung kontrollieren müssen, dass der Staat transparent sein muss. Auf dem Maidan hatten wir eine kleine Republik, die so funktioniert hat, wie wir uns unser ganzes Land wünschen: demokratisch, transparent, hilfsbereit, friedlich. Alle haben sich für das Wohl der Gruppe engagiert.