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Neuer Kampfjet FCAS:Wie Macron und Merkel Europa verteidigen wollen

Einen ersten FCAS-Prototyp soll es 2026 geben. Das Bild zeigt eine Simulation mit dem Jet und unbemannten Flugzeugen.

(Foto: Airbus)

Das "Future Combat Air System" ist das neue deutsch-französische Kampfflugzeug. Doch bis es 2040 eingeführt wird, sind noch viele Hürden zu überwinden. Die Finanzierung ist nur eine davon.

Von Anika Blatz, Joachim Käppner und Mike Szymanski

Das Treffen im bayerischen Manching Mitte September wird zelebriert wie ein Staatsgipfel. Auf dem weitläufigen Gelände der Firma Airbus empfängt Konzernchef Guillaume Faury Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und ihre französische Kollegin Florence Parly. In Hangar 268 kommt Parly zum Grund des Besuchs, und das ist nicht der dort ausgestellte Eurofighter der Luftwaffe; bei dem, um was es hier geht, ist er bereits Geschichte. Beschworen wird ein "Ausnahmeprojekt", sagt Parly: das FCAS, das "Future Combat Air System", genauer: das deutsch-französische Kampfflugzeug der neuen Generation.

Der Jet ist nur noch Teil eines vernetzten Systems - die Piloten werden von Drohnen begleitet

Es geht an diesem Tag um die deutsch-französische Freundschaft, um die gemeinsame Verteidigung Europas, um Industriepolitik. Kampflugzeugbau, berechnet in "Generationen" von Jets, bedeutet auch immer gewaltige Technologiesprünge. Die Luftwaffe fliegt heute jahrzehntealte Tornados und die Eurofighter. Die Franzosen haben ihre auch nicht mehr neue Rafale. FCAS, die Einführung ist für 2040 geplant, soll ganz anders sein, ein Kampfflugzeug der sechsten Generation. 2017 hatten Kanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Emmanuel Macron das gemeinsame Projekt initiiert.

Das Flugzeug ist nur noch Teil eines vernetzten Systems in der Luft, "system of systems" heißt das im Militärsprech. Die Piloten sitzen im Jet, begleitet von Drohnen, unbemannten Aufklärern oder Störern der Luftabwehr. Es soll eine Combat Cloud geben, eine Datenwolke, die selbst aus dem Weltraum mit Informationen versorgt wird. In der vertraulichen Programmbeschreibung heißt es: "FCAS wird weit über bisher bekannte militärische Projekte hinausgehen, sowohl technologisch als auch was die daran geknüpften Herausforderungen an die Fähigkeiten der Systemintegration betrifft."

Die Besatzung ist wichtig. Aber ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), wird das neue System kaum beherrschbar sein angesichts der Datenmenge. Dies dürfte eine ethische Debatte nach sich ziehen, da die Sorge vor killer robots, autonom handelnden Waffensystemen, weltweit wächst. Um dieser Furcht zu begegnen, ist das FCAS-Projekt um Transparenz bemüht und hat sogar eine eigene Homepage bekommen (www.fcas-forum.eu). 2026 soll es einen ersten FCAS-Prototyp geben.

Die Bundeswehr möchte das Projekt auf jeden Fall, allerdings gibt es auch prominente Stimmen der Skepsis, wie effizient das so langfristige Vorhaben wohl sein könne. Negative Vorbilder gibt es genug, wie den deutsch-französischen Tiger-Kampfhubschrauber. Ein Prototyp flog schon 1992; bei der Bundeswehr in Afghanistan, die ihn dringend gebraucht hätte, kam er erst kurz vor dem Abzug der Nato-Kampftruppen ab 2013 an.

Politisch wollen Macron und Merkel das FCAS auch deshalb so dringend, um die viel beschworene gemeinsame Verteidigungsfähigkeit Europas mit Leben zu füllen. Die beiden großen deutsch-französischen Projekte, der Kampfpanzer der Zukunft und FCAS, betreffen Felder, auf denen die Kooperation früher dramatisch scheiterte und die Partner eigene Wege gingen: Deutschland baute den Panzer Leopard, Frankreich den Leclerc; Deutschland den Eurofighter, Frankreich den Rafale. Jetzt hat Frankreich die Führung bei FCAS, Deutschland beim Europanzer.

Branchenkenner gehen davon aus, dass auf beide Staaten je 100 Milliarden Euro an Kosten zukommen könnten. FCAS ist zu groß für wenige Schultern. Spanien ist neuerdings mit an Bord. Der SPD-Verteidigungspolitiker Fritz Felgentreu hat weitere Staaten wie Italien und Schweden im Auge und betont: "Dass die Zusammenführung unserer unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen und Beschaffungssysteme erhebliche Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand. Aber der Preis ist den Schweiß der Edlen wert."

Besagte Unterschiede lassen manche Experten allerdings schon fürchten, dass das FCAS daran zerschellen könnte. In Frankreich wird die eigene Rüstungsindustrie überwiegend als stolzer Garant der nationalen Souveränität angesehen, in Deutschland eher misstrauisch beäugt. Die Beschaffungsprojekte der Deutschen sind langwierig und kompliziert, stets ringen Bund, Länder und die Industrie um Vorteile; die Franzosen steuern ihre Rüstungsvorhaben straff zentralistisch. Und nicht zuletzt: Die deutsche Öffentlichkeit ist bei Rüstungsexporten sehr sensibel; die Franzosen setzen auf den Export ihrer Waffen, moralische Bedenken betreffs der Abnehmer gelten als eher nachrangig und die Deutschen als zu unberechenbar.

Die ersten Hürden sind schon zu sehen. Die Franzosen, die ja anders als die Bundesrepublik Atommacht sind und den FCAS als Träger für Nuklearwaffen konzipieren, wollen gewisse Herzstücke der Technologie derzeit nicht mit den Deutschen teilen, sogenannte Blackboxes. Der Bundestag macht aber die Finanzierung davon abhängig, dass Bundeswehr, Forschung und Industrie schon früh die beim Bau des FCAS entstehenden Technologien nutzen können. So muss die Bundeswehr das FCAS in den Verbund ihrer Flieger integrieren - ohne technologische Souveränität ist dies nur begrenzt möglich. In Frankreich dürften die Mittel schon deshalb gesichert sein, weil das Flugsystem eines der Prestigeprojekte Macrons ist. 2022 steht die Präsidentschaftswahl an. Deutschland gibt das Geld abschnittsweise frei, und die Erfahrung lehrt, dass noch kein Rüstungsvorhaben ohne Sonderwünsche und Dauerstreit ausgekommen ist, was in der Regel zu epischen Teuerungen führte, die dann wiederum in neue Debatten mündeten.

Christian Mölling, Fachmann für Militärpolitik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), hält es für dringend nötig, dass beide Seiten aufeinander zugehen: "Die Franzosen müssen sich beim Zugriff auf die Technologie bewegen und die Deutschen für Planungs- und Finanzierungssicherheit sorgen." Er schlägt ein eigenes "Bundeswehrbefähigungsgesetz" vor, analog etwa zum zivilen Verkehrswegeplan, der weit über die Legislaturperiode hinausreicht. Verteidigungsexpertin Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sieht zudem "das Problem der Zeitachse": Wenn die Partner "diese Probleme nicht noch dieses Jahr klären, gerät das ganze Projekt in Gefahr, denn 2021 wird die Politik ganz mit den Bundestagswahlen beschäftigt sein. Da möchte niemand gern ein großes Rüstungsgeschäft verabschieden."

Im Hintergrund läuft längst ein beinharter Verteilungskampf: Wo soll der Jet gebaut werden?

Mit Jets wie der F-35 aus den USA - er gilt als weltweit modernster Kampfjet - kann Europa technologisch derzeit nicht mithalten. FCAS soll das ändern. SPD-Politiker Felgentreu sagt: "FCAS bietet die Chance, dass die europäische Industrie auch in Zukunft mit dem technologischen Fortschritt in den USA Schritt hält."

Im Hintergrund läuft längst ein harter Verteilungskampf. In Manching befinden sich der Airbus-Geschäftsbereich Defence and Space, 5600 Mitarbeiter und knapp 1000 Soldaten arbeiten hier. Zwar haben sich Deutschland und Frankreich auf gleich große Arbeitsanteile verständigt. Ob das Projekt so partnerschaftlich weitergeht, wenn erst mal entschieden wird, wo welche Fertigungsstraßen und Arbeitsplätze aufgebaut werden, bei Airbus oder dem französischen Flugzeugbauer Dassault?

Und dann ist da noch Corona. Je nach Belastung der nächsten Staatsetats durch die Seuche, könnte das teure Projekt Haushältern als weniger dringlich erscheinen. Nicht alle würden dies bedauern: Die "Deutsche Friedensgesellschaft / Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen" warnt vor "der Angriffswaffe der nächsten Generation" und wünscht sich, dass in Manching eines Tages "nachhaltige Produkte" hergestellt werden anstelle von Kampfjets.

© SZ vom 12.10.2020
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