Europa Gut zu Kindern

Eine Studie des Weltkinderhilfswerks Unicef zeigt: Deutschland tut im Vergleich zu anderen Staaten relativ viel für Eltern.

Von Ulrike Heidenreich

Für die Länder dieser Welt gibt es die abstrusesten Ranglisten. Im Glücksatlas etwa stehen die Finnen ganz vorne (Deutschland auf Platz 15), das reichste Land ist Katar, das korrupteste Land soll Somalia sein, in Monaco ist die Lebenserwartung am höchsten. Man kann sich über diese Rankings lustig machen - oder sie ernst nehmen. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat nun eine Liste zur Familienfreundlichkeit in 31 Nationen Europas aufgestellt, über die sich das Nachdenken lohnt: Schweden rangiert ganz vorne. Deutschland liegt auf dem sechsten Platz beim Angebot an bezahltem Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub sowie der Kleinkinderbetreuung. Schlusslicht ist die reiche Schweiz.

Die Autoren der Unicef-Studie haben die Familienpolitik nach klaren Kategorien eingeteilt: die Dauer der Elternzeit für Frauen und Männer bei vollem Gehalt, der Anteil exklusiver Väter-Monate, die Betreuungsangebote für Krippenkinder unter drei Jahren und jene für Kindergartenkinder zwischen drei bis sechs Jahren. Die Forscher stützen sich auf Zahlen von 2016. Weil gerade in den vergangenen Jahren die Einsicht in die Notwendigkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Gesellschaft und Politik zugenommen hat und sowohl Quantität wie Qualität in der Kinderbetreuung kräftig ausgebaut wurden, dürften die Zahlen heute für Deutschland sogar noch besser aussehen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hob am Donnerstag angesichts der Studie denn auch "positive Entwicklungen" hervor: "Einerseits braucht es eine individuelle Geldleistung für die Familien und andererseits eine starke institutionelle Förderung mit guter Betreuung in Kita, Schule, Hort."

In Deutschland können Eltern 43 Wochen Elternzeit beanspruchen. Der Väter-Wochen-Anteil liegt laut Unicef bei 5,7 Wochen. Ein Drittel der Kinder unter drei Jahren sei regelmäßig in der Krippe oder bei der Tagesmutter. 92 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen sind im Kindergarten.

In Schweden gehen 97 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen in eine Kita

In Schweden, dem Spitzenreiter bei der Familienfreundlichkeit, gibt es 35 Wochen Elternzeit bei vollem Gehalt. Rund die Hälfte aller Kleinkinder unter drei Jahren belegte einen Betreuungsplatz. Bei den Kindern zwischen drei und sechs Jahren lag die Betreuungsquote bei etwa 97 Prozent. Auf der Rangliste folgen: Norwegen, Island, Estland und Portugal. Estland bietet Frauen mit 85 Wochen den längsten bezahlten Mutterschutz, es folgen Ungarn mit 72 Wochen und Bulgarien mit 61 Wochen. "Wir brauchen Regierungen, die Eltern dabei unterstützen, ein Umfeld für die Pflege von Kleinkindern zu schaffen", sagte Henrietta Fore von Unicef. Ihre Organisation hält mindestens sechs Monate bezahlte Elternzeit für angemessen und einen selbstverständlichen Zugang zu guter Betreuung.

Im Argen liegt es laut der Untersuchung damit besonders in Irland, Großbritannien, Zypern, Griechenland und der Schweiz, die mit acht Wochen bezahltem Mutterschutz auf dem letzten Platz landete. Nicht also marode Staatskassen sind der Grund für mangelhafte familienpolitische Leistungen, es ist eine Frage der Haltung: So hat es in skandinavischen Ländern wie Schweden schon immer zur Lebensweise gehört, dass der Staat Einfluss auf die Gestaltung des Familien- und Arbeitslebens haben darf. In der Schweiz wird dies eher als reine Privatsache gesehen.

Schlechter noch in Sachen Familienfreundlichkeit stehen laut Unicef außereuropäische Industriestaaten da: Australien, Neuseeland und die USA. Deren Zahlen zur Kinderbetreuung waren nicht valide oder vergleichbar. Der Anspruch auf bezahlte Elternzeitwochen liegt für Amerikanerinnen liegt bei: null.