
Jupiter lässt warten. 20 Minuten nach dem vereinbarten Termin ist der Mann, der in seiner Heimat gerne mit dem höchsten römischen Gott verglichen wird, der über allen anderen Göttern thront, noch immer nicht im Saal. Gemurmel, einige beginnen, die Ankunft des Gastes herbeizuklatschen. So etwas haben sie nicht gerne hier. Es ist der hohe Sicherheitsaufwand, der seinen Auftritt verzögert. Sogar die Straßenbahnhaltestelle vor dem Hohen Haus war geschlossen worden. Noch eine Minute, dann spricht er endlich.
Emmanuel Macron ist auf Werbetour in Straßburg. Mehr als ein Jahr vor den Europawahlen beschreibt der französische Präsident, wie er sich die politische Zukunft des verunsicherten Kontinents vorstellt. Das hat er schon vor einem halben Jahr getan, in der Pariser Sorbonne. Damals machte er konkrete Vorschläge, von der Reform der Euro-Zone über die Flüchtlingspolitik bis zu transnationalen Wahllisten. Es waren so weitreichende und so viele Vorschläge, dass manchem schwindlig wurde, nicht zuletzt in Berlin. Inhaltlich fügt er im Europäischen Parlament wenig hinzu, bis auf den Asylbereich, wo er eine Europäische Agentur fordert, die Kommunen bei der Aufnahme von Flüchtlingen finanziell helfen soll. Ansonsten geht er eine Ebene höher und redet über das große Ganze: über die Gefahr, die dem Kontinent durch Autokraten droht, die mit ausgefeilten Technologien "die Eckpfeiler unserer Gesellschaften infrage stellen"; über die "freiheitliche europäische Demokratie", dieses "Wunder", dieses "einzigartige Modell, das uns verbindet", und das es zu bewahren gelte. Über eine "europäische Souveränität", die nationale Souveränität "nicht auflöst, sondern ergänzt". Und über seine Idee eines "ambitionierten" demokratischen Projekts für Europa. Es müsse an der Quelle der Demokratie ansetzen, sagt Macron, bei den Wünschen und Bedürfnissen der Bürger, mit denen er ins Gespräch kommen, mit denen er "essenzielle Debatten" führen will, in möglichst allen EU-Staaten.
Er will den Fraktionen Konkurrenz machen mit einer neuen pro-europäischen Kraft
Das ist der eine Teil seiner Botschaft: Ich meine es ernst mit meinem Plan, soll das aussagen, ich ziehe ihn durch. Der andere Teil richtet sich direkt an die Abgeordneten, die ihm in nahezu voller Besetzung lauschen, neugierig, erfreut über seinen europäischen Enthusiasmus - und doch skeptisch bis abwehrend. Macron will schließlich in "Europa", also in Brüssel und Straßburg erreichen, was er im eigenen Land geschafft hat: die politische Landschaft umzugraben. Ihm schwebt vor, den traditionellen Gruppierungen Konkurrenz zu machen mit einer neuen progressiven, proeuropäischen Kraft in der Mitte des Europäischen Parlaments.
Noch hat er keine echte Machtbasis, keinen einzigen Abgeordneten in diesem Parlament, keinen Vertrauten an der Spitze der EU-Institutionen. Nur viele Sympathisanten, quer durch die Reihen. Was er genau plant, lässt er bewusst offen: Sah es zunächst so aus, als schließe sich seine Bewegung La République En Marche (LRM) einer bestehenden Gruppe an, scheint sie nun eine eigene Fraktion gründen zu wollen, "Europe en Marche" gewissermaßen. Dazu müsste LRM Abgeordnete aus mindestens sieben Staaten anwerben.
Also wirbt Macron, und zwar geschickt. Er wickelt die Parlamentarier ein, indem er sie groß macht. Hier, am "Sitz der Verantwortung", würden die europäischen Kompromisse geschmiedet, "hier spielt sich ein Großteil der Arbeit ab, die uns eint". Das soll jene beruhigen, die meinen, dass Macron sie geringschätzt. An einem eigenständigen Parlament sei der Franzose doch gar nicht interessiert, knurrt etwa der Christdemokrat Elmar Brok.
Und wie reagieren die "traditionellen Parten" auf diese Herausforderung? Überwiegend positiv und reserviert zugleich. Der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber (CSU), antwortet freundlich, mit einer Reflexion über "wirkliche Demokratie", die mehr sei als Absprachen der "deutsch-französischen Achse". Allerdings hatte Macron, der die jüngsten negativen Signale aus Berlin empfangen hat, darüber in seiner Rede kein Wort verloren. Der Sozialdemokrat Udo Bullmann dankt dem Franzosen "für Ihre Courage und Ihren Einsatz für Europa", vermisst aber konkrete Projekte, mit denen "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" gefördert würden. Der Grüne Philippe Lamberts preist Macrons europäischen Ehrgeiz und geißelt eine verfehlte Handels- und Energiepolitik sowie mangelnden Einsatz für die Umwelt.
Spannend ist die Reaktion der Liberalen (Alde), denen Macron politisch am nächsten steht. Fraktionschef Guy Verhofstadt weiß um die Gefahr für seine Fraktion, deren europhiler Teil zu Macron abwandern könnte, etwa die linksliberalen niederländischen D 66, die spanischen Ciudadanos und einige nordeuropäische liberale Parteien. Das würde Alde spalten und wohl bedeutungslos machen. Verhofstadt bleibt vage: Das binäre politische Modell der Herrschaft von Christ- und Sozialdemokraten sei am Ende, sagt er. Was heißt das schon?
Konzentriert, mal lächelnd, mal stirnrunzelnd hört sich der Gast die Antworten an, auch krudere von rechts- und links außen. Und er antwortet wiederum. Und hoppla: Es funktioniert, ein "essenzieller Dialog" entsteht. Macron geht auf jeden einzelnen Punkt ein, der aufgeworfen wird. Ob Atomkraft, Brexit, Asylpolitik oder Elterngeld: Akribisch, fast verbissen kämpft er sich durch, beruhigt, wiegelt ab, erklärt. Bis weit nach 13 Uhr, über alle Zeitgrenzen hinaus. Der Dank: langer Applaus, strahlende Gesichter. Eine Gottheit, die diskutiert. Ein seltener Fall.