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Buch "Wunschdenken":Warum Sarrazin nicht als Kronzeuge für die AfD taugt

Sarrazin lehnt Angela Merkels Flüchtlingspolitik leidenschaftlich ab. Indem sie jeden durchließ, der die Grenze erreichte, "startete sie das größte Sozialexperiment Europas seit der Russischen Revolution und stellte damit die Existenzvoraussetzung eines jeden Staates - nämlich die Herrschaft über sein Gebiet - grundsätzlich in Frage".

Sarrazin schreibt deshalb dagegen an, weil die Ankömmlinge aus Gesellschaften stammen, die weder Meinungsfreiheit noch ein konkurrenzfähiges Bildungssystem kennen, dafür aber eine Geburtenrate weit oberhalb der deutschen haben.

"Wer bestimmte kulturelle und religiöse Einstellungen als mit dem Geist einer offenen Gesellschaft nicht vereinbar ansieht, sollte Wanderungsbewegungen aus einer geschlossenen in eine offene Gesellschaft sorgfältig regulieren und notfalls unterbinden, sonst verbreiten sich gegen die offene Gesellschaft gerichtete Einstellungen genauso schnell wie die Kopftücher auf den Schulhöfen von Neukölln oder Wedding." Damit drückt er aus, was so viele Deutsche beschäftigt - aber er argumentiert mit Hilfe von Popper, anstatt sich zu begnügen mit dem Ressentiment.

Naive Lösungsvorschläge

Es sollte daher lieber keiner in der AfD auf den Gedanken kommen, beim Parteitag am Wochenende mit dem Buch zu wedeln; nach dem Motto: Seht her, unser Kronzeuge! Denn dieser Kronzeuge (der übrigens immer noch SPD-Mitglied ist) rückt sich zwar selbst ins Zwielicht, indem er dem Kubitschek vom rechten Rand eine freundliche Fußnote spendiert, lehrt dann aber doch, dass Politiker keine abgehobene Kaste von Verrätern bilden, sondern dass es "ein komplexes Wechselspiel ist, in dem sich Gesellschaften und politische Systeme ihre Politiker erschaffen".

Dieser Kronzeuge konzediert, dass die Zustände nicht die Folge von Böswilligkeit dieser Politiker sind, "sondern gleichsam die kostenträchtige Versicherungsprämie gegen die Irrtümer und Fehlentwicklungen einer weniger demokratischen Entwicklung". Das ist eine Basis, auf der man streiten kann.

Das ist eine Basis, auf der man jemandem trotzdem Naivität vorwerfen kann, der als einzige Lösung parat hat, Flüchtlinge "an jene Gestade zurückzubringen, von denen sie in See gestochen sind". Die deutsche Marine sollte also in libyschen oder albanischen Häfen vorfahren? Wer derlei erwägt, muss von dem Gedanken beseelt sein, Europa könne noch ein paar weitere Abenteuer gebrauchen.

"Ich habe mich bemüht, dem Laster der Besserwisserei nicht nachzugeben", schreibt Thilo Sarrazin. Aber dass ihm auch noch dies gelingen würde, war nun wirklich nicht zu erwarten.

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