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Buch "Wunschdenken":Trotz Unverschämtheiten und Angeberei - Sarrazin hat etwas zu sagen

Thilo Sarrazin stellt neues Buch vor

"Bemüht, dem Laster der Besserwisserei nicht nachzugeben": Thilo Sarrazin

(Foto: dpa)

Thilo Sarrazin will erklären, warum Deutschland aus seiner Sicht schlecht regiert wird. Wer das für reine Wutbürger-Lektüre hält, macht es sich zu einfach. Doch auch als Kronzeuge für die AfD taugt er nicht.

Thilo Sarrazin hat wieder ein Buch geschrieben, und wenn alles so läuft, wie es zu laufen hat, kommen nun lauter Verrisse. Zur Geschäftsgrundlage dieses Autors gehört, dass er den "Allein gegen alle"-Status behaupten kann; seine Kritiker wiederum haben sich eingerichtet in der Gewissheit, Teil einer guten Herde zu sein. Alles Stellungen, die man nicht einfach so aufgibt.

"Wunschdenken" liegt seit ein paar Tagen in den Läden. Es ist das dritte Buch, das auf "Deutschland schafft sich ab" folgt; jenen Titel, mit dem Sarrazin sich vor sechs Jahren eine Bekanntheit erschrieb, die normalerweise für einen Ex-Finanzsenator, Ex-Bahn- und Bundesbankvorstand nicht zu erreichen ist. In "Deutschland schafft sich ab" ging es um Zuwanderung, in "Europa braucht den Euro nicht" (2012) um eben dies, in "Der neue Tugendterror" (2014) um Medienkritik - und in "Wunschdenken" um alles zusammen; außerdem noch um Inklusion, Baurecht, Klimawandel.

Auf fast 600 Seiten will Sarrazin erklären, warum Deutschland grundsätzlich schlecht regiert werde. Er packt deshalb so viele Themen hinein, weil er zeigen will, dass es immer dieselben Gründe sind, weshalb Politiker viele Probleme nicht lösten, sondern vergrößerten: Unwissenheit, Anmaßung, Bedenkenlosigkeit, Egoismus und Betrug, Selbstbetrug. Sarrazin holt aus.

Thilo Sarrazin Kühler Kopf, kaltes Herz
Sarrazin-Buch "Der neue Tugendterror"

Kühler Kopf, kaltes Herz

Gejagt, verteufelt und vergrault: In seinem neuen Buch "Der neue Tugendterror" beklagt sich ausgerechnet Thilo Sarrazin über mangelnde Meinungsfreiheit - und sieht sich als Mobbing-Opfer.   Von Johann Osel

Im theoretischen Teil beginnt er bei Platon, er referiert Thomas Morus, Hayek und Karl Popper. Er stellt Listen mit positiven und mit illegitimen Regierungszielen auf; zu Ersteren zählt er Gesundheit, Arbeit und Effizienz des Staatsapparats, zu Letzteren Herrschsucht, Bereicherung und Bevorzugung des eigenen Clans. Sodann breitet er Fallstudien über politische Fehler sowie ihre Folgen aus. Was Sarrazin schreibt, ist possierlich, furchtbar und gut.

Nach wie vor macht der Mann es einem schwer, ihm auch nur zuhören zu wollen. Auf die Idee muss man ja erst einmal kommen, als Beleg für die Reformunfähigkeit des griechischen Staates die Expertise der Nazis heranzuziehen, die das Land von 1941 bis 1944 nicht nur besetzten, sondern auch finanziell plünderten: "Es gelang den deutschen Beamten nicht, die Einnahmekraft zu erhöhen."

Dem Publizisten Götz Kubitschek erteilt er Weihen, indem er ihn in einer Fußnote "konservativ" nennt - worüber jeder staunen wird, der weiß, dass es sich dabei um einen völkischen Ideologen handelt. Und welche Neigung mögen Klimaschützer verspüren, sich mit Sarrazin auseinanderzusetzen, wenn sie im Kapitel über Utopien diese Verknüpfung lesen dürfen: "Wieder andere sehen die Herrschaft des Kalifats auf der ganzen Welt als das Endziel der Geschichte, und viele glauben an den Untergang der Menschheit, wenn der CO₂-Ausstoß nicht umgehend und drastisch reduziert wird."

Positionen, an denen sich das eigene Urteil schärfen lässt

Über so etwas kann man sich herrlich aufregen - und amüsieren über die Pose, in der der Autor daherkommt. Er bringt viele Beispiele, wie Politik gescheitert ist, und einige, in denen sie erfolgreich war; letztere haben fast alle gemeinsam, dass der Held jeweils Thilo Sarrazin heißt. Sarrazin hat die deutsch-deutsche Währungsunion entworfen, Sarrazin sanierte die Berliner Bankgesellschaft, Sarrazin hätte den Berliner Flughafen gewuppt (hätte Klaus Wowereit auf ihn gehört).

Thilo Sarrazin: Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung - warum Politik so häufig scheitert. Deutsche Verlagsanstalt, München 2016. 576 Seiten. 24,99 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Aber das Kriterium ist ja nicht, ob sein Autor der größte Regierende Bürgermeister ist, den Berlin nie hatte; von anderen Ämtern - die er sich bestimmt zutrauen würde - ganz zu schweigen. Das Kriterium ist, dass hier ein Autor schreibt, der trotz seiner Unverschämtheiten und Angebereien etwas zu sagen hat.

Sarrazin flüchtet nicht in abgedroschene Metaphern, mit denen mittelmäßige Autoren gerne übertünchen, dass sie eine Materie nicht durchdrungen haben. Es schreibt hier auch kein Wutbürger, der sich den Klischees über Politik sowie Verschwörungstheorien ergibt; im Gegenteil. Hier vertritt ein Autor legitime Positionen, die für seine Gegner schon deshalb von Wert sind, weil sie daran ihr eigenes Urteil schärfen können.