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Europas Zukunft:Eine wahnwitzige Gefahr, die durch Verdrängung nicht verschwindet

Es ist viel Mühe darauf verwendet worden, die Sorge vor einer Ansteckung nach einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone zu zerstreuen. Tatsächlich mögen in den vergangenen Jahren ausreichende wirtschaftliche Schutzmaßnahmen ergriffen worden sein. Nicht zu sehen ist aber, wie das politische Infektionsrisiko minimiert werden soll. In Großbritannien hat ein in Europadingen notorisch ungeschickter Premierminister ein Referendum für den Verbleib des Königreichs in der EU zu bestehen.

In Ungarn ist die Demokratie bereits in einem innerhalb der EU vorher für unvorstellbar gehaltenen Ausmaß beschädigt. In Frankreich könnte eine Frau Präsidentin werden, deren erklärtes Ziel die Zerstörung der EU ist. Folgt auf Grexit Brexit und dann Huxit und Frexit - mithin das Ende der EU? Das ist eine wahnwitzige Gefahr, die durch Verdrängung nicht verschwindet.

Verlöre Europa die Fähigkeit zum Kompromiss, bei dem die Vorteile die Nachteile überwiegen, dann wäre Europa verloren, hat die Kanzlerin gesagt. Das ist die Wahrheit aus der Lebenswirklichkeit der Angela Merkel, die sich in nächtlichen Brüsseler Sitzungen beweist. Der andere Teil der Wahrheit zeigt sich im Erwartungsdruck der Menschen auf dem ganzen Kontinent. Es stimmt, dass die dramatische Zuspitzung der Krise außerhalb Griechenlands hauptsächlich Tsipras, seiner linksnationalistischen Rhetorik und dem abwegigen Versuch angelastet wird, mit der Farce eines Referendums die Gläubiger zu bezwingen. Dafür aber, welchen Schaden die EU davonträgt, werden sich Angela Merkel, François Hollande, Jean-Claude Juncker und Donald Tusk verantworten müssen.

Die Union unterschiedlicher Integrationstiefen ist längst Realität

Bislang hatten die Staats- und Regierungschefs auf finanzpolitische Details verwiesen, sich für weitgehend unzuständig erklärt und Ratspräsident Tusk die Einberufung eines Euro-Sondergipfels übel genommen. Ab Montag gibt es erst einmal keine Details mehr. Es geht dann um eine der wichtigsten Richtungsentscheidungen in der Geschichte der EU.

Im Falle eines Ja müsste Griechenland auf eine Weise im Euro gehalten werden, die den Aufbau von Staat und Wirtschaft ermöglicht. Im Falle eines klaren Nein werden weder Juncker noch Merkel eine Politik des Weiterwurschtelns rechtfertigen können. Sie müssten Griechenland einen Weg aus dem Euro ebnen, der nicht zugleich aus der EU führt. Die Union unterschiedlicher Integrationstiefen ist längst Realität. Würde das als Dauerzustand akzeptiert, erleichterte das auch die Verhandlungen mit Großbritannien. Auf der anderen Seite muss die Wirtschafts- und Währungsunion schneller und konsequenter komplettiert werden, als der bisherige Plan mit der vagen Aussicht auf ein gemeinsames Schatzamt es vorsieht.

Kleinkrämerisch und verzagt wird die EU Vertrauen nicht zurückgewinnen. Sie braucht jetzt, mehr denn je, Mut.

Griechenland am Abgrund Der Mann, der den Griechen 130 Milliarden Euro geliehen hat

Griechenland

Der Mann, der den Griechen 130 Milliarden Euro geliehen hat

Als die Griechen den Euro bekamen, gehörte Klaus Regling zu den Skeptikern. Trotzdem musste er den Griechen mehr Geld leihen als irgendwer sonst. Die Geschichte eines historischen Irrtums.   Von Christiane Schlötzer und Mike Szymanski, Athen, Alexander Hagelüken und Ulrich Schäfer