Europa 2014:Erdrückender Eifer, einschüchternde Strenge

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Es gab einmal die Hoffnung, gerade der deutschen Bundeskanzlerin, man könne nach der Europawahl endlich an die wirklichen Ursachen der Krise herangehen und Europa eine Reform verpassen, die es nach drei Jahren Notbetrieb bitter nötig hätte. Der Zeitpunkt wäre günstig. Bis zu den britischen Unterhauswahlen im Frühjahr 2015 ist Europa wahlfrei - und könnte jenseits nationaler Interessen ein wenig das Gemeinsame pflegen.

Diese Großreform - die mutige Harmonisierung und Kontrolle wichtiger Stützen des souveränen Staates wie der Haushaltspolitik, der Ausgabenpolitik, Teile der Sozial- oder Steuerpolitik, die Neuordnung von Kompetenzen zwischen Rat, Kommission und Parlament, die Reform der Institutionen überhaupt -, diese Großreform also wird nicht stattfinden, wenn kein Wunder mehr geschieht. Stattdessen wird sich die Union mit der Verteilung von Posten und Kompetenzen gemäß der alten Muster aufhalten: Hier ein Kommissar aus dem Norden gegen einen Beauftragten aus dem Süden, hier ein Parlamentspräsident eines Alt-Mitglieds gegen einen Generalsekretär aus den neuen Mitgliedsstaaten. Und bitte keinen Deutschen mehr - die haben schon Macht genug. Der Sozialdemokrat Martin Schulz wird seine Ambitionen zügeln müssen.

Mehr Psychologie als Mathematik

Den Deutschen mag es widersinnig erscheinen: Sie selbst sollen das größte Hindernis auf dem Weg zur Reform sein, weil sie so wohlhabend und europaliebend sind? Und doch: Ihr Eifer wirkt erdrückend, ihre Strenge einschüchternd. Auch wenn Zahlen und Logik für den deutschen Weg sprechen: Europa ist mehr Psychologie als Mathematik.

Deswegen findet Europa nach Jahren der ökonomischen Krise endlich zu seinem historischen Leitmotiv zurück, das schon bei der Gründung der Montanunion und in allen Phasen der Integration die Entscheidungen leitete: Wie kann die Gemeinschaft funktionieren, wenn einer so stark und viele so schwach sind? Wie findet Europa seinen Frieden mit Deutschland - und Deutschland seinen Frieden mit Europa? Im Zentenniums-Jahr der europäischen Urkatastrophe Erster Weltkrieg ist das keine schlechte Frage. Beantworten kann sie derzeit keiner.

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