Deutschland und die Euro-Krise Die Kanzlerin und die Karotte

Die emotionale Schieflage spiegelt die tatsächlichen politischen und ökonomischen Verhältnisse in einem Europa wieder, in dessen Mitte plötzlich ein Monolith steht. Deutschland ist bisher relativ unbeschädigt durch die Finanzkrise gekommen, in den USA werden Bücher über das "Erfolgsmodell Germany" angeboten, in Frankreich preist die Finanzministerin deutsche Mitbestimmung und Kurzarbeit.

Christine Lagarde, die vor sechs Monaten noch die deutsche Stärke als das Grundübel der europäischen Missverhältnisse angeprangerte, ordnet sich nun ein in den Chor all jener, die in Deutschland den Retter der Währung und der Union sehen. Präsident Nicolas Sarkozy hat beim Strandspaziergang mit Angela Merkel in Deauville kapituliert und teilt die Analyse: Europa muss auch an seinen Rändern stärker werden, Portugal und Griechenland brauchen Modernität, eine industrielle Grundsubstanz, die Haushaltsdefizite in Spanien, Italien und Irland müssen schrumpfen.

Deutschlands Stärke ist gleichzeitig Anlass zur Irritation wie zur Hoffnung. Ohne die Stärke der deutschen Volkswirtschaft wären die schwachen Staaten an der Peripherie längst von den Finanzmärkten in den Ruin getrieben worden - das macht Hoffnung. Für Irritation aber sorgt weniger, was Deutschland zur Rettung des Euro beiträgt, sondern wie die Bundesregierung und die Kanzlerin an der Spitze in der Krise agieren.

Zwei Beweisstücke werden gern angeführt: Die Zögerlichkeit in der Griechenland-Krise im Frühsommer, und die Ankündigung im Oktober, dass private Gläubiger an den Kosten für eine Rettung in Not geratener Staaten beteiligt werden sollen, nach dem Motto: Wer auf die Pleite wettet, verliert seinen Einsatz.

Die Kantigkeit der Kanzlerin

Beide Male gab es gute Gründe für Merkels Position. Kein Zocker aber schätzt es, wenn mitten im Spiel die Regeln geändert werden. Die Beteiligung der Gläubiger wäre ein Schlüsselinstrument zur Beendigung der Währungsspekulationen, sie würde wohl aber unter keinen Umständen von den Märkten akzeptiert.

Merkels schroffes Auftreten und die kantige Art ihrer Gefolgsleute aber zeigen auch, dass sie die Dimension der Krise immer wieder unterschätzen. Damit ignorieren sie auch die Rolle, die Deutschland inzwischen zugefallen ist. Nach dem Einschwenken des französischen Präsidenten auf die deutschen Vorstellungen zum europäischen Rettungsmechanismus ist die eherne Arbeitsteilung im Zentrum der Union hinfällig. Deutschland ist nun als einzige Führungsnation übrig geblieben. Ein Dominator wider Willen, ein zögerlicher Hegemon.

Diese Zögerlichkeit zeigt sich in allen Phasen der Krise, in denen Merkel sich mal groß und dann wieder klein macht. Sie zeigt sich in einer Sprache, die kühl und technokratisch klingt und so wenig von der historischen Gefahr, wie von den entsprechenden Chancen vermittelt. Sie zeigt sich darin, dass sie den politischen Populismus im eigenen Haus besonders fürchtet und deswegen immer wieder von Strafe, Disziplin und Härte spricht, statt Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit in Europa hervorzuheben.

Wenn Währungspolitik ein Stück weit Psychologie ist, dann ist Deutschland ein schlechter Therapeut. Die Iren, die Portugiesen, die Spanier - sie wissen längst, dass sie Deutschland brauchen. Aber sie wollen nicht nur den harten Stock spüren, sie brauchen auch die lockende Karotte vor den Augen. Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. "Frau Bundeskanzlerin, die Geschichte klopft an die Tür. Und die Geschichte klopft nur einmal", mahnte der britische Historiker Timothy Garton Ash. Merkel sollte die Mahnung ernst nehmen. "Sprich sanft und trage einen großen Knüppel", heißt ein afrikanisches Sprichwort, "dann wirst du weit kommen."

Europa braucht nun eine sanfte Aufmunterung, eine Erinnerung, warum es für die Währung und Eintracht Opfer zu bringen lohnt. Diese Aufmunterung kann nur vom Währungshüter kommen, und der ist nach Lage der Dinge nun einmal Deutschland.