EU-Skeptiker in Großbritannien:Traum von der Isolationshaft

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Britische Konservative wollen mehr Abstand zu Europa, selbst Premier Cameron buhlt um den europafeindlichen Flügel seiner Partei. Doch der Wunsch nach Isolation könnte schneller erfüllt werden, als den Briten lieb ist.

Hubert Wetzel

Es gab eine Zeit, da gehörte es für Großbritannien zum guten Ton, ja zur Staatsräson, in Europa abseits zu stehen. Auf dem Kontinent rangen Frankreich und Deutschland um die Vorherrschaft, und die abgeklärten Diplomaten in London sahen die Rolle ihres Königreichs darin, die Machtbalance zu wahren. Das bedeutete: keine dauerhaften Bündnisse, weder mit den Pickelhauben-Deutschen in Berlin noch mit den Revoluzzern in Paris. 1896 schwärmte der kanadische Finanzminister George Eulas Foster, damals selbst noch Subjekt der britischen Krone, von der "wunderbaren Isolation" - der splendid isolation -, derer sich das Mutterland "in diesen durchaus etwas beunruhigenden Tagen" erfreue.

Liam Fox

"Das Schicksal Britanniens ist kein Thema, das Politiker auf dem Kontinent zu debattieren hätten", sagte jüngst der Tory-Abgeordnete und ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox (hier auf einem Archivbild) - und sprach damit vielen Parteifreunden aus der Seele.

(Foto: dpa)

Nun sind die Tage wieder beunruhigend in Europa. Und wieder regt sich jenseits des Kanals der alte Reflex, Britanniens Heil außerhalb des komplizierten kontinentaleuropäischen Hickhacks zu suchen. Der Tory-Abgeordnete und ehemalige Verteidigungsminister Liam Fox brachte die Skepsis, die von einer wachsenden Zahl seiner Parteifreunde geteilt wird, auf den Punkt: Großbritannien, so wetterte er, müsse sich seine Unabhängigkeit von Brüssel zurückerkämpfen - oder die EU notfalls verlassen. "Ein Leben außerhalb der EU hat für mich nichts Schreckliches", so Fox. "Das Schicksal Britanniens ist kein Thema, das Politiker auf dem Kontinent zu debattieren hätten." Da blitzt sie auf, die Sehnsucht nach der splendid isolation.

Viel an dieser Rede war innenpolitisches Theater. Das gilt auch für die Antwort des britischen Premiers David Cameron, der dem europafeindlichen Flügel seiner Partei postwendend ein Referendum über den Verbleib in der EU in Aussicht stellte. Nicht jetzt freilich, sondern irgendwann, wenn die Euro-Krise vorbei ist. Das heißt: eher nie.

Europa hat größere Probleme

In absehbarer Zeit wird Großbritannien die EU also nicht verlassen. Umso mehr muss man sich über das Getöse der Euro-Skeptiker wundern. Denn was früher ein probater politischer Hebel gewesen sein mag, um den Kontinentaleuropäern Zugeständnisse abzuringen, klingt heute nur noch hohl. Natürlich wäre ein britischer Austritt ein Desaster für die Union. Doch Europa hat, bei allem Respekt, größere Probleme. Die EU steht an einem Punkt, von dem aus sie, grob gesagt, zwei Richtungen einschlagen kann: Entweder die reichen Nordländer lassen den armen Süden in den kommenden Monaten fallen. Das wäre das Ende des Euro und wohl auch der EU in ihrer jetzigen Form. Den formellen Austritt könnte sich London dann fast schon sparen.

Der zweite Weg führt zu einer echten politischen Union der Euro-Länder. Erste kleine Schritte auf diesem Weg sind die 17 Staaten bereits gegangen - ohne Großbritannien. Die Gefahr, dass Europa die Briten hinter sich lässt, ist derzeit weit größer als das Risiko eines britischen Austritts. Cameron weiß das. Und er weiß, dass London an dieser Art der Isolation keinerlei Interesse haben kann. Sie wäre alles andere als wunderbar.d

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