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EU-Richtlinie für Dokumente:Aus Liebe zum Lappen

43 Millionen Autofahrer müssen ihre Führerscheine umtauschen.

Von Marco Völklein

Auf Partys kommt es derzeit öfter mal vor, dass irgendwann einer sein Portemonnaie zückt und den alten grauen Lappen rauskramt, diesen Nachweis über die bestandene Fahrprüfung vor vielen, vielen Jahren. Oben steht groß "Führerschein" drauf, das Papier fasst sich labberig an, was übrigens daran liegt, dass damals ein relativ hoher Textilanteil eingearbeitet wurde. Rasch zieht ein zweiter Gast seinen alten Führerschein hervor. Und dann werden Fotos verglichen: Mei, die Frisuren damals, Wahnsinn! Und trug der Frank wirklich mal einen Bart?

Über viele Jahrzehnte wurden in Westdeutschland die grauen Führerscheine ausgegeben, bis sie 1986 abgelöst wurden durch eine rosafarbene Pappe mit der Aufschrift "Modell der Europäischen Gemeinschaften". 1998 folgte das erste Modell im Scheckkartenformat, 2013 dann die aktuelle, angeblich besonders fälschungssichere Plastikkarte. Das von den Behörden der DDR bis 1990 ausgegebene Dokument übrigens fiel kleiner aus als der westdeutsche Lappen und changierte farblich zwischen Mausgrau und Schweinchenrosé. Je nachdem, wann ein Autofahrer die Fahrprüfung in welchem Teil Deutschlands abgelegt hatte, verbreitete sich eine bunte Vielfalt an Dokumenten.

Doch die wird schwinden in den nächsten Jahren. Denn spätestens von 2033 an sollen alle EU-Bürger ein einheitliches, fälschungssicheres Dokument vorweisen können. Nach und nach müssen die alten Führerscheine nun in neue umgetauscht werden, laut ADAC sind etwa 43 Millionen Fahrerlaubnisinhaber betroffen.

Würden die alle binnen kurzer Zeit die Ämter stürmen, wäre das Chaos komplett. Deshalb vereinbarten Bund und Länder einen Stufenplan, wonach einzelne Jahrgänge nach und nach den Umtausch beantragen sollen. Dessen erste Stufe trat vor Kurzem in Kraft: Zunächst sind die Besitzer von 15 Millionen Führerscheinen dran, die bis Ende 1998 ausgestellt wurden - also diejenigen, die noch den grauen Lappen oder den rosa Führerschein haben beziehungsweise das Dokument aus DDR-Zeiten.

Eile ist nicht geboten; die Zeiträume für den Umtausch sind gestaffelt und hängen vom Geburtsjahr des Fahrers ab. So können sich etwa Autofahrer, die zwischen 1953 und 1958 geboren wurden, Zeit lassen mit dem Umtausch bis zum 19. Januar 2022; für 1971 oder später Geborene läuft die Frist gar bis 2025. Dennoch registriert manche Führerscheinstelle bereits ein reges Interesse. So meldet die Münchner Behörde für die Monate Februar und März eine Steigerung um fast 40 Prozent gegenüber den Vorjahresmonaten. Der ADAC warnt vor Engpässen: Schon heute sei es in Großstädten oft schwierig, einen Termin zu bekommen.

Zu Verdruss führt bei vielen Autofahrern auch, dass sie für die Ausstellung des Dokuments etwa 25 Euro Gebühren zahlen müssen - entsprechende Klagen registrieren derzeit die Automobilklubs. Und manchmal hängen Autofahrer doch noch sehr an ihrem alten Lappen, zum Beispiel weil er sie an die aufregende Prüfung von damals erinnert. Solchen Nostalgikern kann geholfen werden, erklärt die Münchner Führerscheinstelle: Wer möchte, kann das alte Dokument nach dem Umtausch behalten. Es wird dann nur ungültig gestempelt.

© SZ vom 25.04.2019
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