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EU-Missstände:Gebrochen, zerstört, verlassen

Denn in aller Regel ergeht es Whistleblowern wie Strack. Der strittige Sachverhalt wird nie aufgeklärt, dafür wendet sich die riesige Bürokratie gegen den Störenfried: "Die Leute werden gebrochen. Am Ende sind ihre privaten Beziehungen und die Karriere zerstört", sagt Gräßle, "das sind alles Fälle für den Psychiater."

Dass diese Einschätzung keineswegs übertrieben ist, bestätigt ein Gutachten der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC). Sie hat die Praxis des Whistleblowings in EU-Behörden untersucht. Das Ergebnis: Wer auf Missstände hinweist, riskiert Job und Gesundheit und endet als Frühpensionär. Landet ein Fall vor Gericht, dann beschäftigen sich die Richter fast ausschließlich mit Verfahrensfragen.

"Die Erfolgsrate ist sehr niedrig", lautet das Fazit von PwC. Schon deshalb mangele es an positiven Beispielen, die potentielle Hinweisgeber ermutigen könnten. Auch Inge Gräßle hat beobachtet, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Whistleblower in der EU stark abgenommen hat. Das liegt nach ihrer Einschätzung nicht etwa an einer verbesserten Verwaltungspraxis, im Gegenteil: "Es gibt hier die Tendenz, die Probleme unter den Teppich zukehren."

Doch was kann sie dagegen tun? Inge Gräßle gesteht, sie sei ratlos.

Unregelmäßigkeiten bei der Konsolidierung von Rechtsakten" - mit so einem Thema konnte Strack auch in den Medien keine Aufmerksamkeit erregen. Außerdem trage er mittlerweile das große Q auf der Stirn, sagt er: Q wie Querulant. 2006 gründete Strack den Verein Whistleblower-Netzwerk, in dem sich 74 Menschen zusammengeschlossen haben, denen Ähnliches widerfahren ist wie ihm. Eine ehemalige Bankerin ist dabei, drei frühere Steuerfahnder - und die Berliner Altenpflegerin Brigitte Heinisch: Sie hatte jahrelang auf die Personalknappheit und mangelnde Hygiene in einem Heim hingewiesen.

15.000 Euro Entschädigung für eine fristlose Kündigung

Weil nichts geschah, erstatte sie Strafanzeige gegen ihren Arbeitgeber - und wurde Anfang 2005 fristlos gekündigt. Auch sie hatte sich jahrelang erfolglos durch die Instanzen geklagt, bevor ihr im Juli 2011 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Recht gab: Die Kündigung verstoße gegen das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, urteilten die Richter und sprachen Heinisch eine Entschädigung von 15.000 Euro zu.

Davon kann Strack nur träumen, denn ausgerechnet ihm als EU-Beamten ist der Weg vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg versperrt: Die EU ist im Gegensatz zu ihren Mitgliedsstaaten bisher noch nicht der Menschenrechtskonvention beigetreten.

Sollte er nicht endlich aufgeben, ein neues Leben anfangen, einen anderen Job suchen? "Wer will denn einen wie mich noch?", sagt Strack. Nein, er macht weiter, obwohl inzwischen die neue Partnerin unter seiner Fixierung auf den Rechtsstreit leidet. Aber er kann nicht anders.

Er möchte endlich wissen, ob es richtig oder falsch war, was er vor nunmehr neun Jahren getan hat. Neun Verfahren sind vor Gericht noch anhängig.