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EU-Gipfel:"Die meisten denken wohl an ihr persönliches Glück"

Sieht man denn ein Gefälle zwischen den Generationen in Polen?

Ochmański: Vor 15 Jahren noch hätte man sagen können: auf jeden Fall. Da waren die Jungen euphorisch gegenüber Europa, sahen viele Möglichkeiten zur Entwicklung.

Ignaciuk: Aber inzwischen müssen wir auch sehen, dass von Wahl zu Wahl mehr junge Leute konservative Parteien wählen. Das hat auch mit Ängsten und mit mangelnden Perspektiven zu tun. Als Gesellschaft haben wir zugelassen, dass diese Ängste ihren Lauf nehmen.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Versäumnisse gegenüber der jungen Generation?

Ignaciuk: Wir haben überhaupt keine politische Bildungskultur in der Schule, keine Debattenkultur. Auch zu Hause nicht. Es ist eher so: Wenn die Leute einmal etwas glauben, dann glauben sie es ihr ganzes Leben. Fast dogmatisch. Man kann dann mit ihnen überhaupt nicht mehr reden.

Ochmański: Das stimmt, man redet einfach über viele Dinge nicht! Und die Jungen übernehmen einfach die Meinung der Eltern und Großeltern. Sie lassen sich beeinflussen.

Ignaciuk: In der Situation ist es wenig überraschend, wenn sich Leute radikalisieren. Sie merken zwar, dass etwas nicht stimmt im Land. Aber sie wissen nicht genau, was und warum. Dazu wird im Geschichtsunterricht ein sehr einseitiges Bild von Polen vermittelt. Da werden Träume von Polen als Großreich wachgehalten, mit Karten, die das Land zeigen, wie es im 15. Jahrhundert mal war. Darauf bleiben manche hängen.

Ochmański: Das macht unsere Gesellschaft paranoid. Viele Polen sehnen sich nach einem mächtigen Land, aber die Realität sieht anders aus. Dabei finde ich, dass wir schon so viel erreicht haben, worüber man sich freuen könnte. Zum Beispiel, dass wir ein unabhängiges Land sind und Mitglied in der EU.

Sie alle äußern sich sehr kritisch über die Entwicklungen in Ihrem Land. Wollen Sie trotzdem irgendwann zurück?

Ochmański: Ich wusste schon immer, dass ich nicht in Polen leben möchte. So geht es vielen jungen Leuten, die weltoffen und liberal sind.

Ignaciuk: Am Anfang dachte ich auch, dass ich nicht zurückgehe. Aber jetzt denke ich anders. Denn wenn solche Leute wie wir wegbleiben, dann fehlt die Unterstützung für die progressive Kultur und Politik. Die EU-Mitgliedschaft Polens kann man da gleichzeitig als Fluch und Segen sehen. Diejenigen, die wollen, können ins Ausland. Dort können sie arbeiten, sich entfalten und entwickeln. Aber oft bleiben sie dort und bringen die Erfahrung nicht zurück nach Polen.

Jeka: Da hast du natürlich recht. Allerdings denken die meisten wohl an ihr persönliches Glück, so traurig es klingen mag. Mein Freund und ich wollen auch, wenn wir mit dem Studium fertig sind, in Deutschland leben.

Ochmański: Es wäre auch blöd, die Möglichkeit nicht zu nutzen! Natürlich wäre es gut, sich zu Hause zu engagieren. Aber die Perspektive ist mir zu unklar. Am Ende opfere ich die besten Jahre meines Lebens - und wenn nichts daraus wird, wäre ich sehr enttäuscht.

© SZ.de/bepe

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