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EU-Austritt:Großbritannien zahlt einen saftigen Preis für den Brexit

Brexit

Die künftigen Beziehungen der EU mit Großbritannien sind geklärt. Alles gelöst ist damit nicht.

(Foto: Kirsty O'Connor/dpa)

Das Abkommen mit der EU steht, viereinhalb Jahre der Zermürbung finden ihr Ende. Eine frische Idee von ihrer nationalen Bestimmung haben die Briten immer noch nicht. Die Suche geht weiter.

Kommentar von Stefan Kornelius

Seit dem 23. Juni 2016 sind viereinhalb Jahre vergangen. Das ist bemerkenswert viel Zeit, die Großbritannien vor allem mit sich und seinen Befindlichkeiten verbracht hat. Viereinhalb Jahre waren nötig, um das britische Referendum über den Austritt aus der Europäischen Union in ein Gesetz zu verwandeln, viereinhalb Jahre, um drei Premierminister, ungezählte Kabinettsmitglieder und eine ganze politische Klasse zu verschleißen, viereinhalb Jahre für einen monothematischen Exzess voller Intrigen, Fallen, Machtspiele und Spaltungsfantasien.

Großbritannien hat einen saftigen Preis für den Austrittswunsch gezahlt. Das Land ist stehengeblieben in der Zeit, die Politik hat sich radikalisiert, die Abspaltungsphantasien in Schottland wachsen wieder. Bekommen haben die Briten dafür: einen Austritt light. Denn der Handelsvertrag mitsamt der symbolisch bedeutsamen Fischereiquote und den wichtigen Verabredungen zur Zukunft der Finanzwirtschaft und allen anderen Unterabteilungen des politischen und gesellschaftlichen Daseins (sträflicherweise bis auf die Außen- und Sicherheitspolitik) passen längst nicht mehr zum großmäuligen Freiheits- und Souveränitätsversprechen, das Boris Johnson und Nigel Farage einst abgegeben haben. Das ist eine gute Nachricht - für die Briten wie die EU-Europäer.

Freilich: Die Feinheiten des Abkommens werden weder die Brexit-Hardliner noch die Parlamente erfassen können, die nun in unverschämt kurzer Zeit zustimmen müssen. Diese bewusst erzeugte Zeitnot hilft vor allem Boris Johnson, der nun in triumphaler Geste die großartige Freiheit feiert, die in Wahrheit gar nicht so großartig ist. Großbritannien wird immer gut beraten sein, in der Nähe des EU-Handelsblocks zu ankern, wenn es nicht seinen wichtigsten Handelsmarkt verlieren will.

Der britische Austrittswunsch spiegelte immer zweierlei: eine tief in der Vergangenheit wurzelnde Sehnsucht nach der Reinheit der Nation und der Selbstbestimmung - und damit ein anachronistisches Verständnis der verwobenen Welt im 21. Jahrhundert, in der ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein eben nicht ausreicht, um sich gegen die Seidenstraße oder die Wucht der künstlichen Intelligenz zu behaupten.

Nostalgie ist ein wichtiges Element des britischen Selbstverständnisses. Die Brexit-Bewegung hatte es geschafft, Nostalgie mit Nationalismus und Zukunftsangst zu verbinden. Das ergab eine explosive politische Mischung, die eine Theresa May nicht entschärfen und auch ein Boris Johnson am Ende nicht mehr kontrollieren konnte.

Johnsons Fiktion der "splendid isolation" endete vor leeren Supermarktregalen

Deswegen musste sich Johnson nun auf einen Deal der Vernunft einlassen, wenn er nicht riskieren wollte, dass sein Land mit einem Radikalaustritt mitten in den Corona-Turbulenzen vollends in den wirtschaftlichen Abgrund gerissen würde. Der Premier agiert eh schon wie der Kaiser mit den neuen Kleidern. Woche um Woche trat er vor sein Volk, versprach den Himmel auf Erden, während die Pandemie einen Vorgeschmack auf das Leben in splendid isolation lieferte. In den vergangenen Tagen endete seine Fiktion der Isolation beinahe vor leeren Supermarktregalen.

In der Dramaturgie von Verhandlungen ist ein Abkommen kurz vor Torschluss ein probates Mittel, um Kritiker von allen Seiten auf Abstand zu halten. So ist es auch diesmal. Das bedeutet aber nicht, dass Großbritannien und die EU nun glücklich bis ans Ende ihrer Tage sein werden. Der Vertrag hat den Widerspruch des britischen Souveränitätswunsches nämlich nicht gelöst: Handelsbeziehungen verlangen nach gemeinsamen Regeln - und schon ist sie dahin, die Idee von der bedingungslosen Freiheit. Man sieht sich spätestens vor Gericht zur Streitschlichtung.

In den stets komplizierten Beziehungen des Königreichs zu seinen europäischen Nachbarn ging es immer auch um britische Identität, um die nationale Idee. Die haben, wie es nun scheint, weder Johnson noch seine politischen Gegner gefunden. Die furiose Paargeschichte zwischen der Insel und dem Kontinent wird deshalb fortgesetzt.

© SZ/jok
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