Ethnische Säuberungen nach Zweitem Weltkrieg Sudetendeutsche danken Brünn für Vertriebenen-Erklärung

Verlust der Heimat: Millionen Deutschstämmige aus Ost- und Mitteleuropa werden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Auf diesem Foto sind Sudetendeutsche zu sehen, die mit einem Zug trifft in der Oberpfalz eintreffen.

(Foto: dpa)
  • Der Stadtrat der tschechischen Stadt Brünn hat in einer "Deklaration" die Opfer des sogenannten Brünner Todesmarschs "aufrichtig bedauert".
  • Sudetensprecher Bernd Posselt spricht von einem "Riesenschritt, der Dank und Anerkennung verdient". Für Vertriebenen-Präsident Bernd Fabritius ist die Erklärung ein "beispielhaftes verständigungspolitisches Zeichen".
  • Ende Mai 1945 wurden mehr als 26 000 deutschsprachige Bürger Brünns 60 Kilometer in Richtung Österreich getrieben. Mindestens 2000 Menschen kamen dabei um.
Von Oliver Das Gupta

Die deutschen Vertriebenen haben die Erklärung der tschechischen Stadt Brünn (Brno) begrüßt, in der die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach Ende des Zweiten Weltkriegs bedauert wird.

Sudetensprecher Bernd Posselt (CSU) sprach von einem "Riesenschritt, der Dank und Anerkennung verdient". Es sei "sehr positiv und mutig", wie Tschechiens zweitgrößte Stadt nach 70 Jahren das dunkle Kapitel der Stadtgeschichte aufarbeite, sagte Posselt der Süddeutschen Zeitung.

Auch Bernd Fabritius (CSU), Präsident des Bundes der Vertriebenen (BdV), würdigte die Brünner Erklärung. Sie sei ein "beispielhaftes verständigungspolitisches Zeichen", das die deutschen Vertriebenen "in seiner Strahlkraft erkennen und positiv aufnehmen", sagte Fabritius der SZ.

Der Stadtrat von Brünn hatte am Dienstag in einer "Deklaration" die Opfer des sogenannten Brünner Todesmarschs "aufrichtig bedauert". Etwa 26 000 Sudetendeutsche aus Brünn waren Ende Mai 1945 auf einen mehr als 60 Kilometer langen Fußmarsch in Richtung Österreich getrieben worden. Mindestens 2000 Menschen kamen dabei ums Leben.

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Kinder, Frauen und alte Menschen starben an Erschöpfung, Krankheiten oder durch Gewalt. Die ethnische Säuberung war eine Reaktion auf die Besetzung und brutale Herrschaft von Nazi-Deutschland über die Tschechen (hier mehr dazu).

In der Erklärung des Brünner Stadtrats (hier der Wortlaut) werden auch die NS-Verbrechen in Tschechien erwähnt. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass der "Racheakt" der Tschechen nach Kriegsende zumeist nur unschuldige Zivilisten traf. Die deutschen Bürger seien wegen des "Kollektivschuldprinzips oder aufgrund ihrer sprachlichen Zugehörigkeit zum Verlassen der Stadt gezwungen" worden, heißt es in der Deklaration.

Kontroverse bei den Sudetendeutschen

Die mährische Hauptstadt Brünn hat 2015 zum "Jahr der Versöhnung" ausgerufen und veranstaltet am 30. Mai, dem 70. Jahrestag des "Todesmarsches", einen "Marsch des Lebens" in entgegengesetzter Richtung. Zeitzeugen sind nach Brünn eingeladen.

Zuletzt war in der Sudetendeutschen Landsmannschaft ein heftiger Streit entbrannt, weil auf Betreiben Posselts die Formulierung "Wiedergewinnung der Heimat" aus der Satzung gestrichen worden war (hier mehr dazu). Auf tschechischer Seite hatte dieser Passus Sorgen vor Restitutionsansprüchen verstärkt und die Annäherung behindert.

Durch die Brünner Erklärung sieht sich Posselt bestätigt: "Die Satzungsänderung wirkt sich positiv in Tschechien aus." Der langjährige Europaabgeordnete hofft, dass nun weitere Orte in Tschechien ihre Vergangenheit aufarbeiten. Für den Verbandssprecher kommen die positiven Signale aus Brünn zum richtigen Zeitpunkt. Denn am Pfingstwochenende findet in Augsburg der Sudetendeutsche Tag statt.

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