Essener Tafel Merkel und der Schatz

Gratis-Lebensmittel nur für Deutsche - diese Entscheidung hat einen Proteststurm ausgelöst und zugleich viel Zustimmung geerntet. Eine Politikerin hat ihre zuvor geäußerte Kritik allerdings schon wieder ein wenig relativiert.

Von Ulrike Heidenreich

Der "wahre Schatz" trägt an diesem frostigen Mittwoch wieder seinen roten Fleece-Pulli mit eingesticktem Schriftzug von der Essener Tafel. Jörg Sartor, Chef der Ausgabestelle für Lebensmittel, schickt seit dem frühen Morgen erstmals Bedürftige ohne deutschen Pass weg. In sechs Wochen sollen sie wiederkommen. Wann Bundeskanzlerin Angela Merkel vor der Tür der Essener Tafel stehen wird, ist noch nicht klar. Sie hat einen Besuch angekündigt. Und sie hat durch ihren Sprecher am Morgen in Berlin ihre Wertschätzung ausdrücken lassen, nämlich "dass die Millionen von Ehrenamtlichen ein wahrer Schatz für die Bevölkerung sind". Die Tage zuvor war die Kanzlerin mit ihrer Kritik an dem Aufnahmestopp für Ausländer selbst in die Kritik geraten, nun sucht sie den Ausgleich.

Die Filiale in Essen, eine von 934 gemeinnützigen Tafeln bundesweit, stellt neue Berechtigungskarten für den Empfang von Lebensmitteln vorübergehend nur noch für Bedürftige mit deutschem Pass aus. Vorausgegangen waren Geschubse und Gedrängel um Lebensmittel. Sartor hatte die Entscheidung damit begründet, dass wegen des hohen Ausländeranteils in der Schlange, etwa 75 Prozent, vor allem ältere Bedürftige und Alleinerziehende fernblieben, weil sie sich bedrängt fühlten. Merkel hatte am Montag kritisiert: "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen. Das ist nicht gut."

Ein Runder Tisch mit dem Essener OB will nach Lösungen für Lebensmittelausgabe suchen

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Kanzlerin sehe den Einsatz von Ehrenamtlichen zur Verteilung von Lebensmitteln mit "größtem Respekt". Sie verfolge weiter "sehr interessiert", wie man in Essen mit den Herausforderungen umgehe. "Ein bedürftiger Mensch ist ein bedürftiger Mensch", so Seibert. Merkel wolle dem wohltätigen Verein selbst die Entscheidung überlassen, wie dieser mit Schwierigkeiten zwischen Deutschen und Ausländern bei der Essensverteilung umgeht.

Andere Ausgabestellen, etwa in Potsdam, Fürth oder Kevelaer, hatten bei ähnlichen Problemen mit extra Ausgabezeiten für ältere Menschen, Kranke und Familien mit Kindern reagiert. Nach einem Proteststurm, aber auch viel Zustimmung für das Vorgehen der Tafel hatte der Dachverband am Dienstag mitgeteilt, dass die Essener Tafel an ihrem Aufnahmestopp für Ausländer als Neukunden festhalte. Innerhalb von zwei Wochen wird ein runder Tisch, an dem auch der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) sitzt, nach Lösungen bei der Lebensmittelausgabe suchen.

Bei der Ausgabe der neuen Kundenkarten bleibt alles friedlich

Zumindest in Essen wird Armut gerade nicht als Randerscheinung betrachtet. Augen und Kameras waren auf die Ausgabestelle der Tafel gerichtet, als mehrere Dutzend Menschen am frühen Morgen für Berechtigungen anstanden. Einmal die Woche, immer mittwochs, gibt es hier neue Kundenkarten, die für ein Jahr gültig sind. Ein Paar, das abgewiesen wurde, zeigte zwei Identitätskarten im Scheckkartenformat vor. Es waren aber keine Personalausweise, sondern Aufenthaltsgenehmigungen. Damit bekommen sie zurzeit keine Berechtigungskarte. Tafelchef Sartor, ein pensionierter Bergmann, beschied ihnen, in sechs Wochen wiederzukommen. Es gab keine lautstarken Proteste, die Essensausgabe um 12.30 Uhr lief friedlich ab.

Vonseiten der Politik überschlagen sich die Reaktionen. CSU-Chef Horst Seehofer sprach von einem Hilferuf: "Ich bin nicht der Meinung, dass wir die Verantwortlichen da vor Ort zu kritisieren haben, sondern wir sollten ihnen helfen, ein Problem zu lösen, das wir an vielen Stellen in Deutschland haben." Sahra Wagenknecht, Fraktionschefin der Linken, bezeichnete die Empörung über den Aufnahmestopp als heuchlerisch. Die Bundesregierung sei dafür verantwortlich, dass Ältere und Alleinerziehende so wenig Geld hätten, dass sie auf die Versorgung durch die Tafeln angewiesen seien, sagte sie dem RBB-Inforadio. "Wer an einer Tafel sich nicht anständig benimmt, der gehört da dauerhaft ausgeschlossen und da ist es auch völlig egal, ob er einen Fluchthintergrund hat oder nicht", betonte Nordrhein-Westfalens Integrationsministers Joachim Stamp (FDP). Der Bundeschef der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler, forderte die Essener Tafel im SWR auf, den Aufnahmestopp rückgängig zu machen. Dieser werde zu einer Eskalation führen, "die ist fürchterlich".