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Essayist John Jeremiah Sullivan:Sullivan sieht in der Krise eine Chance

Ähnlich sei es in den USA: Viele seiner Landsleute würden es tunlichst vermeiden, über Politik zu sprechen. Er könne jeden verstehen, der dies so handhabe, meint Sullivan: "Vor vier Monaten war ich in Norwegen und saß beim Rückflug neben einer Frau aus Texas. Es fing nett an, wir stellten fest, dass wir beide Verbindungen nach Tennessee haben. Plötzlich fragte sie: 'Eigentlich will ich es nicht wissen, aber wo stehen Sie politisch?' Sofort krümmte sich mein Magen zusammen."

Die Frau erzählte ihm, wie sehr sie den "Sozialisten Obama" fürchte, der Geschäftsleuten den Krieg erklärt habe und dass sie auf einer Ranch lebe. Da ihr Mann oft beruflich unterwegs sei, habe sie natürlich ein Gewehr. "Dann sagte sie: 'Ich werde Sie nicht anlügen. Wenn ein Einbrecher kommt, dann werde ich ihm ins Gesicht schießen.' Sie hat das genau so gesagt 'ins Gesicht schießen'. Jeder Amerikaner, egal wo er politisch steht, macht diese Erfahrungen und schweigt einfach irgendwann. Es wird zu deprimierend."

Wie alle Amerikaner hat das Massaker an der Grundschule in Newtown Sullivan als Vater zweier Töchter sehr bewegt. "Ich glaube, dass wir jetzt die Chance haben, strengere Gesetze durchzusetzen und mehr Kontrollen durchzuführen. Aber leider ändert Newtown trotzdem nichts daran, dass Waffen in Amerika allgegenwärtig sind." Zurzeit passiere etwas Seltsames, berichtet Sullivan: Seit Newtown haben mehr Leute Waffen gekauft als vorher - und darunter besonders viele Frauen.

An einem Tag, kurz nach dem Amoklauf in Newtown, habe er die Zeitung aufgeschlagen, erinnert er sich: "Auf der Titelseite stand: 'Die Waffenlobby NRA ist am Ende'. Als ich umblätterte, stand dort ein Bericht über die gestiegene Popularität von Pistolen und Gewehren. Das ist ein Beispiel dafür, wie schizophren die amerikanische Politik manchmal ist: Wir schreien gern eine Parole sehr laut heraus - und machen dann aber das genaue Gegenteil."

Man müsse abwarten, was Obama umsetzen könne

Auch wenn die Politik in den USA immer öfter absurd wirkt und schizophrene Züge annimmt, ist Sullivan keineswegs dauerpessimistisch. Zwar sieht er sein Land auf einer quälenden Suche nach Identität, doch in jeder Krise stecke eine Chance. Und auch wenn nach Obamas erster Amtszeit alle etwas ernüchtert seien, weil er "doch nicht so friedliebend" wie erhofft und zu einem gewissen Grad von den großen Unternehmen abhängig" sei, setzt Sullivan Hoffnungen auf den Demokraten.

Der Essayist nennt vor allem zwei Gründe: "Es war schwer, nicht zutiefst davon bewegt zu sein, einen schwarzen Präsident dabei zu beobachten, wie er sich bei der Amtseinführung für die Gleichberechtigung von Homosexuellen aussprach. Ich hatte das Gefühl, dass es eine historische Dummheit wäre, in diesem Moment zu zynisch zu sein. Die zweite wichtige Sache ist, dass der Präsident nun über Klimawandel spricht. Er erkennt, dass er sich um diese drängenden Fragen kümmern und seinen Einfluss geltend machen muss. Obama spricht nun selbstbewusst darüber."

Doch natürlich, so sagt Sullivan nachdenklich, müsse man abwarten, was Obama konkret umsetzen könne. Und momentan könne niemand sagen, was im vergifteten politischen Klima in Washington möglich sei. Sullivan, der Chronist der amerikanischen Befindlichkeiten, wird weiterhin sehr genau hinschauen.

Linktipps: Ein Auszug aus dem Interview mit John Jeremiah Sullivan ist hier nachzuhören. Eine ausführliche Kritik von Sullivans aktuellem Buch "Pulphead" erschien im Herbst in der Süddeutschen Zeitung. Sullivans schlichtweg grandiose Reportage über die Anfangszeit der Tea-Party-Bewegung erschien 2010 in GQ.

Der Autor twittert unter @matikolb.