Essay von Liu Xiaobo "Es gibt Hoffnung auf ein freies China"

Liu Xiaobo sitzt im Gefängnis, weil die Machthaber in China seine Gedanken fürchten. Lesen Sie auf sueddeutsche.de erstmals die Kurzversion eines der Essays, für die Liu Xiaobo verfolgt und verhaftet wurde.

Wir haben mehr als zwanzig Jahre Reformen hinter uns, aber weil sich die Kommunistische Partei Chinas selbstsüchtig jegliche politische Macht anmaßt und weil die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu zersplittert sind, sehe ich auf kurze Sicht keine politische Kraft, die in der Lage wäre, das Regime zu verändern, und auch keine liberal denkenden Kräfte innerhalb der Zirkel der offiziellen Autoritäten, keinen Gorbatschow oder Chiang Ching-kuo, und keinen Weg für die Gesellschaft, genug politische Macht aufzubauen, um mit der Staatsgewalt zu konkurrieren.

Der 54-jährige chinesische Autor und Aktivist Liu Xiaobo wurde im vergangenen Dezember zu elf Jahren Haft verurteilt.

(Foto: dpa)

Und so verläuft Chinas Kurs der Umwandlung in eine moderne, freie Gesellschaft notwendigerweise graduell. Die Zeit, die das in Anspruch nehmen wird, könnte selbst die konservativsten Schätzungen übertreffen. Gleichzeitig bleibt die Zivilbürgerliche Gesellschaft zu schwach für eine Opposition gegen die Macht des KP-Regimes, die Zivilcourage bleibt unzureichend und der Bürgersinn unterentwickelt. Die Zivilgesellschaft steht noch auf ihren frühesten Entwicklungsstufen. In einer solchen Situation kann jeder Wandel in Chinas politischem System und seinem gegenwärtigen Regime - jeder Plan, jedes Programm oder gar eine Aktion, die auf unmittelbaren Erfolg zielen würde - nicht mehr als ein Luftschloss sein.

Das heißt allerdings nicht, dass keine Hoffnung auf ein freies China gäbe. Denn der Himmel der chinesischen Politik kann in der Nach-Mao-Ära nicht länger von einem totalitären Herrscher im Alleingang verdunkelt werden. Das System ist so autokratisch wie zuvor, aber die Gesellschaft ist nicht länger unwissend. Die Amtsträger sind so tyrannisch wie zuvor, aber die Bürgerrechtsbewegungen erheben sich immer mehr.

In der maoistischen Zeit mussten vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein, um die totalitäre Kontrolle durchzusetzen:

1. Eine umfassende Verstaatlichung, die dazu führte, dass es keine persönliche wirtschaftliche Autonomie irgendwelcher Art gab. So wurde das Regime zum allmächtigen Vormund unserer Landsleute und machte sie von der Wiege bis zur Bahre wirtschaftlich vom Regime abhängig.

2. Eine alles durchdringende Organisation, die zum vollständigen Verlust persönlicher Freiheit führte. Es war alleinig diese Organisation, die den rechtlichen Status unserer Landsleute legitimieren konnte, welche kaum einen einzigen Schritt machen konnten, wenn sie die Organisation verließen, und derart persönlich abhängig vom Regime waren, dass sie im Grunde außerhalb der Organisation keine gesellschaftliche Daseinsberechtigung hatten.