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Essay:"Nur wir sind das Volk"

Der Politologe Jan-Werner Müller beleuchtet das Phänomen des Populismus und empfiehlt eine Reflexion über die Demokratie.

Von GÜNTER BEYER

Der Künstler Hans Haacke bewies im Jahre 2000 feines Gespür. Er installierte im Deutschen Bundestag eine Lichtskulptur mit dem Schriftzug "Der Bevölkerung". Seine Typografie korrespondiert mit der 1916 am Westportal eingemeißelten Widmung "Dem deutschen Volke". Für wen also ist das Parlament da? Wen schließt es aus? "Das Volk", "das deutsche Volk" gar, ist ein heikler Adressat.

Gleichwohl scheint niemand am "Volk" vorbeizukommen, der politisch wirken will. Alle Staatsgewalt gehe vom Volke aus, sagt das Grundgesetz. Urteile werden "im Namen des Volkes" gefällt. Auf ein angebliches Mandat des Volkes beruft sich laut der "Populismus". Die Bezeichnung verwenden - zumindest in Europa - eher Gegner der Populisten als populistische Bewegungen selbst. "Populist" ist ein schwammiges Schmähwort, Populisten treten im politischen Geschäft unter linken wie rechten Vorzeichen auf. Für den deutschen Politologen Jan-Werner Müller, Jahrgang 1970, sind diese Vieldeutigkeiten allemal Anlass zu fragen: "Was ist Populismus?"

Nicht unbedingt sind die Wutbürger immer Modernisierungsverlierer

Müller lehrt seit 2005 politische Theorie und Ideengeschichte im US-amerikanischen Princeton. Sein Essay liefert keine "Enthüllungen" zu Phänomen wie Pegida oder der bei den jüngsten Landtagswahlen erfolgreichen Alternative für Deutschland (AfD), sondern versteht sich als "kritische Theorie des Populismus". Als Ideengeschichtler interessiert Müller der gemeinsame ideologische Nährboden so unterschiedlicher Strömungen wie Viktor Orbáns Fidesz-Partei, des französischen Front National oder der lateinamerikanischen Varianten im Gefolge des einstigen Präsidenten von Venezuela, Hugo Chávez. Das populistische Credo laute schlicht: "Wir sind das Volk!" - mit dem verräterischen Zusatz: "Nur wir sind das Volk". Die Populisten wollen demnach das "wahre Volk" aus der empirischen Gesamtheit der Bevölkerung "herauspräparieren", wie der französische Philosoph Claude Lefort sarkastisch formulierte. Populisten sind stets antipluralistisch und insofern antidemokratisch. Sie erheben einen moralischen Alleinvertretungsanspruch, für den es keinen empirischen Beleg gibt.

Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? Ein Essay. Edition Suhrkamp Berlin 2016. 160 Seiten, 15 Euro.

Als "Schatten der repräsentativen Demokratie" ist Populismus ein relativ junges Phänomen. Demagogen trieben schon in der Antike ihr Unwesen, aber Populismus setzt eine gewisse Etabliertheit - oder eher: Abnutzungsroutine - der repräsentativen Demokratie voraus. Populisten wollen glauben machen: Die "da oben", die gewählte Elite, hat abgewirtschaftet, das "wahre Volk" kann alles besser.

Müller widerspricht landläufigen Vorstellungen, Populisten seien stets "Modernisierungsverlierer", die sich als abstiegsbedrohte Klein- und "Wutbürger" radikalisieren. Untersuchungen zeigen, dass es Populisten persönlich gar nicht einmal schlecht gehen müsse. Die Betroffenen seien aber überzeugt, dass es mit dem Land insgesamt bergab ginge. Internationale Organisationen - wie etwa die EU-Kommission, gern nur "Brüssel" genannt - haben in ihren Augen viel zu viel Einfluss. "Wir wollen unser Land zurück!", sei deshalb populistischer Common Sense der selbst-ernannten "Patrioten". Leider thematisiert Jan-Werner Müller die fließenden Übergänge zum Rechtsradikalismus nur beiläufig. Rechte Populisten setzen auf die Stärkung des Nationalstaats. Auch der linke Populismus fordert dessen globalisierungskritische Neubelebung.

Wie aber sollen Demokraten mit Populisten umgehen? Müller will nicht von oben herab über sie richten und von vornherein ausgrenzen, sondern "erst einmal diskutieren". Populismus sei ein Phänomen, das zum Nachdenken zwinge, "was wir von der Demokratie erwarten". Das klingt anstrengend, aber vermutlich gibt es für den Umgang mit Populisten kein besseres Rezept.

Günter Beyer ist freier Journalist in Bremen.

© SZ vom 11.04.2016
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