Erziehung Wer die Rute spart...

Bald wird es auch Eltern in Frankreich verboten sein, ihre Kinder zu schlagen. Bringt das was? 70 Prozent der Franzosen sagen Nein. Doch sie irren. Ein Prügelverbot wirkt, das zeigt die Vergangenheit. Die öffentliche Ächtung der Gewalt gegen Kinder senkt die Kriminalität.

Von Matthias Drobinski

Auch in Frankreich soll es bald verboten sein, dass Eltern ihre Kinder schlagen. Wer sie trotzdem haut, hat keine Strafe zu fürchten. Das Gesetz kommt erst nach einer Ermahnung des Europarats zustande, aber immerhin: Der französische Staat setzt ein Zeichen. Der deutsche tat das bereits im Jahr 2000; seitdem haben Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Bringt das was? Ist es nicht überzogen, Eltern mit dem Staatsanwalt zu drohen, wenn ihnen mal die Hand ausrutscht? Hilft ein Anti-Prügel-Gesetz jenen überforderten Vätern und Müttern, die nicht wissen, wie sie ihrer schwierigen Kinder Herr werden sollen? Hält es den Sadisten ab, der aus der Gewalt seine wie auch immer geartete Befriedigung zieht? Seit über die Strafe für die Prügelstrafe diskutiert wird, müssen sich die Befürworter diesen Einwänden stellen. Doch je länger es Gesetze gibt, die eine Erziehung ohne Gewalt zur Norm machen, desto klarer zeigt sich: Ja, das bringt was.

Die Ächtung der Gewalt gegen Kinder ist eine der tiefsten kulturellen Veränderungen der vergangenen 50 Jahre. Lange galt es vielen Eltern als geradezu geboten, ihre Kinder körperlich zu bestrafen, getreu dem biblischen Rat: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn." Das Böse sollte dem jungen Menschen ausgetrieben werden, sein Wille gebrochen, um die Persönlichkeit formen zu können. Die "Affenliebe" war Sache der Tiere und der schwachen Eltern. Das 1934 erschienene Buch der Ärztin Johanna Haarer, "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", verbreitete die Maxime: "Liebe Mutter, werde hart!" In einer entnazifizierten Ausgabe war das Buch auch nach 1945 erfolgreich. Die heute 70-Jährigen gehören einer verprügelten Generation an.

Erst nach 1968 hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Prügel nicht Erziehung, sondern Gewalt bedeuten, dass sie Kinder schädigen und ihr Grundvertrauen zerstören. Doch erst die Gesetze haben im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass Klaps und Ohrfeige keine innerfamiliäre Angelegenheit sind, sondern von Staats wegen verboten. Das wirkt: 2001 gaben in Deutschland drei von vier Eltern an, ihre Kinder auch mal mit einem Klaps auf den Po zu bestrafen, 2016 waren es knapp 45 Prozent. Eine leichte Ohrfeige fanden 17 Prozent angebracht, eine schallende nur noch zwei von hundert.

Das verhindert nicht, dass Eltern mal die Hand ausrutscht. Aber sie wissen nun, dass sie einen Fehler gemacht haben. Das verringert nicht die Überforderung der Überforderten, aber es ist klar, dass sie Hilfe brauchen. Das heilt nicht den Sadisten, aber macht seine Tat zur Straftat. Diese öffentliche Ächtung der Gewalt führt tatsächlich zu weniger Gewalt: Die Kriminalität bei Jugendlichen sinkt parallel zur Abnahme der Gewalt gegen sie. Die Verprügelten werden deutlich häufiger kriminell. Wer sich vor dem Verbrechen fürchtet, sollte dringend für ein weltweites Prügelverbot eintreten.

Das muss man gegen die 70 Prozent der Franzosen sagen, die das Anti-Prügel-Gesetz für sinn- und folgenlos halten. Das muss man jenen in Deutschland unter die Nase reiben, die Prügel-Ratgeber amerikanischer Evangelikaler preisen, im Namen der antiantiautoritären Erziehung. Kinder brauchen Grenzen, das stimmt. Aber sie brauchen eine helfende und keine schlagende Hand.