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Erster Weltkrieg 1914:"Großbritannien wollte keinen Krieg"

Sir Edward Grey, 1914

Versuchte den Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Frieden zu retten: Großbritanniens Außenminister Sir Edward Grey, hier in der Robe des Hosenband-Ordens

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Sabotierten in der zweiten Phase der Julikrise auch andere Staatsführungen den Frieden?

Das kann man so sagen. Nach dem österreichischen Ultimatum an Serbien trugen Entscheidungen in den anderen Hauptstädten dazu bei, die Krise eskalieren zu lassen. Aber das ging nur nach den Weichenstellungen in Berlin und Wien. Deutschland und Österreich sind hauptverantwortlich für den Ersten Weltkrieg.

Drängte in Großbritanniens Führung jemand auf Krieg mit den Deutschen?

Nein, im Gegenteil: London wollte 1914 den Frieden retten. Großbritannien trägt keine Verantwortung an der Eskalation. London wollte den Status quo bewahren, das Mächtegleichgewicht in Europa - deshalb entschied es sich Anfang August für den Kriegseintritt. Aber es provozierte keine Krise und wollte keinen Krieg. Das hatte auch innenpolitische Gründe: Die Iren drängten auf Unabhängigkeit, die Suffragetten sorgten mit ihren Forderungen nach Wahlrechtsreform für innenpolitische Unruhe.

Welche Rolle spielten Russland und Frankreich bei Kriegsausbruch?

Dort gab es 1914 in der Tat Kräfte, die wie die Staatsmänner in Berlin dachten: Sie gingen davon aus, dass der Krieg ohnehin unvermeidlich sei. Paris und Sankt Petersburg sahen es als gute Gelegenheit an, einander die Bündnispartnerschaft zu versichern und vor dem Krieg gegen Deutschland nicht zurückzuscheuen. Im Grunde genommen glaubten die Kontinentalmächte alle, der jeweils andere würde sie bedrohen.

Klingt nach einem Selbstläufer.

War es auch. Diese Regierungen waren paranoid. Wir müssen uns in die Köpfe dieser Männer versetzen: Die fühlten sich wirklich eingekreist und bedroht. Ob das zaristische Russland jemals Deutschland angegriffen hätte, wissen wir nicht. Was aber feststeht: Die Männer um Kaiser Wilhelm II. hatten Angst vor der russische Dampfwalze. Aber auch in Großbritannien und Frankreich fürchtete man sich vor der großen militärischen Übermacht Russlands. Man glaubte, es bald nicht mehr bändigen zu können.

Warum fühlte sich die Reichsspitze von Feinden umzingelt?

Das lag vor allem an der aggressiven Außenpolitik der Regierungen des deutschen Kaisers. Nach seiner Thronbesteigung 1888 hat Wilhelm II. Bismarcks Bündnispolitik beendet, die auf eine diplomatische Absicherung Deutschlands und eine Isolierung Frankreichs abzielte. Wilhelm II. schuf eine Atmosphäre der Spannungen und Krisen in Europa. Krieg galt als erstrebenswert. Der Kaiser berief und beförderte Männer, die wie der Monarch leichtfertig von Krieg sprachen. Jeder wusste, was von ihm erwartet wurde und was zu tun ist. Wilhelms Personalpolitik und sein politischer Kurs liefen auf das hinaus, was 1914 passierte. Auch wenn der Kaiser während der Julikrise teils versöhnlich spricht, hat er doch die Weichen gestellt auf einen Kurs, der dann unaufhaltsam auf den Krieg hinsteuerte.

Wieso setzte Deutschland 1914 auf Krieg und nicht auf andere Mittel?

Einerseits hatte man das sichere Gefühl, Paris und Sankt Petersburg wollten früher oder später ohnehin Krieg. Dazu kam die Sorge, was der österreichische Bündnispartner wohl künftig macht: Bleibt er loyal? Bleibt er Großmacht oder erodiert er? Diese Spekulationen arbeiteten in den Köpfen der Militärs und Politiker im Sommer 1914. Deutschland und Österreich waren sich am Ende einig: Dass es für sie in diesem Moment besonders günstig war, Krieg zu führen. Auf der anderen Seite sahen das übrigens Frankreich und Russland ähnlich. Die Ermordung von Österreichs Thronfolger war aus Sicht der Kriegstreiber in Wien und Berlin die ideale Krise.

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