Erster Weltkrieg in Venedig:Die Österreicher wollten Bilder Tizians in Zeltplanen verwandeln

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Mit dem Tourismus der Jahrhundertwende war ein bescheidener Wohlstand zurückgekehrt, vor allem hatten die Futuristen, eben weil Venedig so voller vergangenem Glanz war, die Stadt zur Projektionsfläche ihrer Phantasien gemacht - Phantasien, die dann eine ganz eigene Realität hervorbrachten, in der Planung und Entstehung des Industriehafens Marghera nach 1917 etwa.

Und nachdem Filippo Tommaso Marinetti erklärt hatte, er wolle "die Geburt eines industriellen und militärischen Venedig" vorbereiten, dass über der Adria, dem großen italienischen Meer, herrsche, kam der Dichter und Offizier Gabriele d'Annunzio und wollte diesen Anspruch durchaus in blutigen Ernst verwandeln, und zwar bevorzugt mit Flugzeugen.

Auf der anderen Seite hieß es in Wien, wie Karl Kraus kolportiert, man wolle nach der Rückeroberung Venedigs Bilder Tizians in Zeltplanen verwandeln. Mehr als fünfzig Bomben der Österreicher, brüstete sich d'Annunzio, seien eigens für ihn bestimmt gewesen. Das dürfte zwar arg übertrieben gewesen sein, lässt aber doch den Schluss zu, dass hier durchaus auch um Symbole gekämpft wurde - ganz abgesehen davon, dass ein großer Teil der italienischen Marine und der Flugzeugverbände in Venedig stationiert war.

Fast hundertfünfzigtausend Einwohner hatte Venedig vor dem Ersten Weltkrieg gehabt. Als er zu Ende ging, waren es noch gut vierzigtausend Menschen, die dort wohnten. In der Zwischenzeit war die Stadt während vieler Nächte völlig verdunkelt gewesen, die Fährverbindungen waren eingestellt worden, nach der katastrophal verlorenen Schlacht von Caporetto hatte der italienische Befehlshaber erklärt, er könne Venedig nicht retten.

Damals lag die Front noch zwanzig Kilometer von der Altstadt entfernt. Die Stadt glich einer finsteren, leeren, feuchten Festung. Es war das erste Mal, dass ihr Ende beinahe handgreiflich vor Augen stand. Das aber ist, in der einen oder anderen Form, seither so geblieben.

Venezia si difende, 1915 - 1918. Casa dei tre oci. Venedig, bis 8. Dezember. Der nur in Italienisch erhältliche Katalog der Ausstellung kostet 25 Euro.

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