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Erster Weltkrieg in den Kolonien:Verflogen wie ein Spuk

Deutsche Truppen sprengen eine Eisenbahnlinie in Deutsch-Südwestafrika,

Deutsche Schutztruppen sprengen während des Ersten Weltkrieges die Bahnlinie von Windhuk nach Keetmanshoop in Deutsch-Südwestafrika.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Schon 1915 kapitulierte Deutsch-Südwestafrika. Die Kämpfe in den Kolonien des deutschen Kaiserreichs hinterließen nur wenige literarische Spuren. Doch früh zeigte sich dort ein furchtbarer Ungeist.

Von Joachim Käppner

Es muss Ende der Dreißigerjahre gewesen sein, als der berühmte Mann eine Dorfschule im Spessart besuchte, um den Kindern in der Einsamkeit des Waldes den Kolonialgedanken nahezubringen. Der Rektor hatte Paul von Lettow-Vorbeck eingeladen. Es sollte ein großer Moment für die kleine Schule werden.

Das Projekt stieß indessen auf einige Schwierigkeiten, angefangen damit, dass etliche Schüler nur vage oder auch gar keine Kenntnisse darüber besaßen, wo "Deutsch-Südwest" oder "Deutsch-Ostafrika" eigentlich lägen beziehungsweise gelegen hatten.

Schon diese Ignoranz verdüsterte die Stimmung Lettow-Vorbecks: Offenbar hatte ein Teil der Klasse keinen Blick in sein Buch "Heia Safari!" geworfen, in dem er die eigenen Heldentaten ausführlich schilderte; unter Fortlassung einiger unerfreulicher Details wie Massenmorden an der schwarzen Bevölkerung im heutigen Tansania.

Jedenfalls eilte der Rektor, peinlich berührt, alsbald mit einer mannshohen Afrikakarte herbei, die ein nervöser Schüler am Kartenhalter befestigte. Mit einer herrischen Geste ließ der Besucher den Zeigestock auf den Schauplatz seiner Feldzüge knallen, da löste sich die Karte von der Aufhängung, und der schwere Stahlrahmen traf Lettow-Vorbecks Zehen so präzise wie schmerzhaft.

Kolonialabenteuer genossen einen schlechten Ruf

So haben Teilnehmer den Vorfall berichtet, für dessen Authentizität an dieser Stelle keine Haftung übernommen werden kann. Er stellt jedoch sinnbildlich den Wandel deutscher Kolonialgelüste unter Hitler dar. Bis 1939 hatte die NSDAP jene Revanchisten um die Leitfigur Lettow-Vorbeck gehätschelt, deren Schlachtruf "Wir wollen unsere Kolonien wiederhaben" lautete.

Der Versailler Vertrag von 1919 hatte die Abtretung aller deutschen Überseebesitzungen an die Siegermächte erzwungen. Nach Kriegsbeginn 1939 waren die Kolonialbewegten aber wenig mehr als eine Folkloretruppe: Hitlers Regime suchte Kolonien weniger in Afrika, sondern in Osteuropa; dort, auf dem Gebiet Polens und der Sowjetunion, sollte durch Genozid und Versklavung "neuer Lebensraum" für die "Herrenrasse" geschaffen werden.

Paul von Lettow-Vorbeck bei einer Einheit der Wehrmacht, 1939

Kaiserlicher Offizier bei Hitlers Wehrmacht: Paul von Lettow-Vorbeck, ehemaliger Kommandeur der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika, bei einem Besuch des Infanterieregiments 69 im Jahre 1939.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Weil die kaiserlichen Kolonien so kurzlebig und so früh verloren waren, haben sie - und die dort geführten Kämpfe ab 1914 - in der Literatur viel weniger Spuren hinterlassen als die anderen Schauplätze des Ersten Weltkrieges, allen voran der Grabenkrieg der Westfront. Als der Krieg begann, fielen sie rasch: Tsingtau an der Küste Chinas, die Inseln des Bismarck-Archipels und anderes Konfetti des Kolonialreichs, alle Gebiete in Afrika außer Deutsch-Ostafrika.

Weil die Zeit dieser Überseebesitzungen so weit in die Vergangenheit gerückt ist, wird sie gelegentlich im nostalgischen Licht der Verklärung betrachtet wie eben erst im ARD-Film "Die Männer der Emden": Exotische Strände, schöne Kolonialistinnen, der Krieg ein Abenteuer für Kerle, alles praktischerweise lange vor den Nazis.

Dabei waren auch deutsche Kolonien Schauplatz staatlicher Verbrechen gewesen, die man heute als Genozid bezeichnen würde: 1904 unterdrückte die Schutztruppe in Deutsch-Südwest, dem jetzigen Namibia, einen Aufstand der Herero, schlug deren Kämpfer am Waterberg und trieb fast den gesamten Stamm in die wasserlose Wüste, wo die meisten elend umkamen.

Ab 1914 zog Paul von Lettow-Vorbeck eine blutige Spur durch Deutsch-Ostafrika, als er sich mit seinen Soldaten immer wieder den britischen Streitkräften entzog. Dieser Buschkrieg, frühere "Strafexpeditionen" gegen die schwarze Bevölkerung und vor allem der systematische Mord an den Herero ließen einen Ungeist ahnen, der eine Generation später nach Auschwitz führen sollte.

Gewiss gibt es keinen geraden Weg von dem einen Verbrechen zum anderen, kann man Geschichte nicht von ihren Ergebnissen her interpretieren; und gewiss haben Belgier oder Franzosen in ihren Kolonien noch ärger gewütet. Und doch: Die zeitgenössische Literatur kurz vor 1914 ist der Spiegel eines neuen Denkens; eines, das unwertes Leben, Herrenrasse und Sklaven, ein kompromissloses "Sie oder wir" unterscheidet, Ausdruck der völkischen und alldeutschen Radikalisierung der späten Kaiserzeit.

Die brutalsten unter den Kolonialanhängern hatten auf der Suche nach Deutschlands "Platz an der Sonne" eine Mission gefunden. In der breiten Bevölkerung, nicht nur in der Arbeiterschaft, unter Wirtschaftsexperten genossen die Kolonialabenteuer einen schlechten Ruf; das machte die Gegenseite noch fanatischer.

Eingeborene sind zum Sterben da

Die pittoresken Schauplätze, die Exotik des Koloniallebens machten es nicht leicht, diesen Wandel zu erkennen, der Teile der Politik, der Armee und der wenigen deutschen Siedler ergriffen hatte: Die "Eingeborenen" sollen nicht mehr missioniert, "gezähmt" oder "zivilisiert" werden. Sie sind zum Sterben da, wenn sie sich den Eroberern nicht fügen, und vielleicht selbst, wenn sie es doch tun. Noch kurz vor dem Krieg erschien ein Bestseller des populären Autors Gustav Frenssen, "Peter Moors Fahrt nach Südwest".

Darin heißt es über den Hereroaufstand: "Die Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben. Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren sind. Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit."

Noch berühmter als Frenssen war die Jugendbuchautorin Jenny Koch. Sie schrieb 1910 "Die Vollrads in Südwest" als "Erzählung für junge Mädchen": Die halbwüchsige Heldin erlebt den Untergang der Herero und fragt unter Tränen ihren Vater: "Hatten wir dazu ein Recht?". Die Antwort: "Das Recht, das schon gilt, solange die Welt steht, und erst mit ihr vergehen wird: das Recht des Tüchtigeren."

Nach 1918 gab es zahlreiche Bücher wie "Heia Safari!", welche dem Kolonialreich des Kaisers entweder nachtrauerten oder dessen Rückgabe forderten. In der Weltbühne spottete Carl von Ossietzky 1928, der Versailler Vertrag habe den Deutschen auch Nutzen gebracht: "Es ist aus der Sphäre des Imperialismus heraus, und es muss kein Deutschland in Übersee verteidigen." 1945 ließ die NS-Filmindustrie Heinz Rühmann noch mit "Quax in Afrika" bruchlanden, womit die deutsche Kolonialnostalgie ein unfreiwilliges Ende fand.

Brechts Gedicht für die deutschen Gefallenen in China

Dann wurde es sehr still um Deutschlands Afrika. Mit den Kolonialwarenläden starb auch diese Erinnerung aus, es gibt noch die Brauerei im chinesischen Tsingtau, ein paar Ruinen im Sand und die hübschen deutschen Häuser und nachgeahmten Burgen in Windhuk. 1961 schrieb der US-Schriftsteller Thomas Pynchon mit "V." einen 1922 im früheren "Südwest" angesiedelten Roman, in dem er deutliche Parallelen zwischen den Morden an den Afrikanern und später den Juden zog.

Erst Uwe Timm erinnerte 1978 mit dem Roman "Morenga" an das afrikanische Abenteuer, ein intelligentes Vexierspiel über die Empfindung des Fremdseins. Überraschenderweise hat in jüngerer Zeit Gerhard Seyfried, einst Kult-Zeichner der linken Jugend und der Hausbesetzerszene, die koloniale Vergangenheit wiederentdeckt und in den Romanen "Herero" und "Gelber Wind" (über den Boxer-Aufstand in China) aus Sicht ganz normaler Protagonisten von damals zu beschreiben versucht. In linken Theorieschriften wird er dafür albernerweise als eine Art literarischer Neokolonialist geschmäht.

Der globale Krieg hat auf deutscher Seite keinen Lawrence von Arabien hervorgebracht. Das Kolonialreich verflog wie ein Spuk. Bertolt Brecht, immerhin, widmete den 1914 in Tsingtau für eine verlorene Sache gefallenen Soldaten ein Gedicht: "Schreit, dass es gellt in Verzweiflung . . . Aufschluchzen ... Gruß ... / Hin in Grund und Brand: / Mein Deutschland."

Aber eines der großen Werke der Weltliteratur erwuchs aus einer Tragödie, die aus deutscher Sicht nur eine Fußnote des globalen Krieges war, sofern man sie überhaupt zur Kenntnis nahm: der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Kriege auf dem Balkan waren immer von wilder Grausamkeit gewesen, aber hier kam etwas Neues: Der Wille, ein zum inneren Feind erklärtes Volk zu vernichten.

Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel hat am Beispiel einer wahren Begebenheit mit "Die vierzig Tage des Musa Dagh" den Opfern wie dem Kampf um die menschliche Würde an sich ein epochales Denkmal gesetzt: Eine kleine Schar von Armeniern verteidigt sich auf dem Berg Musa Dagh gegen die Übermacht des osmanischen Militärs (hier mehr dazu). Als das Buch im November 1933 in Österreich erschien, wurde es in Deutschland sogleich verboten.

© SZ vom 22.07.2014/odg

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