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Erster Weltkrieg in Belgien:In Löwen brachten die Deutschen mehr als 200 Zivilisten um

Schlachtfeld Ypern

Reste eines Stahlhelms, Munition und anderer Relikte aus dem Ersten Weltkrieg, die bei Ypern ausgegraben worden sind; aufgenommen auf dem Soldatenfriedhof in Langemark, einem von vier deutschen Soldatenfriedhöfen im Westen Belgiens.

(Foto: dpa)

Die Deutschen wiesen Berichte, sie wüteten "wie die Hunnen", als Gräuelpropaganda zurück: Sie seien von Freischärlern ("Franc-tireurs", hier die Vorgeschichte) angegriffen worden. Unter den Deutschen habe eine panische Angst vor Heckenschützen geherrscht, meinen Historiker - ein Trauma des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.

Zu den bekanntesten Gräueln der Invasoren 1914 in Belgien gehört das "Massaker von Löwen". In der alten Universitätsstadt brachten die Deutschen Ende August mehr als 200 Menschen um und verwüsteten Teile - auch die Bibliothek zündeten die Soldaten an.

Im Herbst 1914 war der größte Teil des Landes besetzt - nur an der Yser unweit der Kanalküste behielten die belgischen Truppen mit König Albert I. einen kleinen Rest unter ihrer Kontrolle. Der König weigerte sich aber, sich den Alliierten anzuschließen. Während der Besatzungszeit herrschte Hungersnot, weil das Land blockiert war und die Deutschen die Wirtschaft bestmöglich auszubeuten suchten. 500 000 Belgier flohen, vor allem in die Niederlande.

Der Amerikaner Herbert Hoover, später US-Präsident, gründete die Commission for Relief in Belgium (CRB), die mit Lebensmittelhilfen wesentlich zum Überleben der Zivilbevölkerung beitrug.

In Westflandern fraß sich die Front fest

Der Krieg habe das Selbstbild Belgiens radikal verändert, meint die Historikerin Laurence Van Ypersele von der Universität Löwen. Man habe sich nach Kriegsende von den Alliierten verhöhnt gefühlt: Den Belgiern wurde vorgeworfen, wegen der Neutralität seien "nur" etwa 50 000 Soldaten gefallen. Heldentum und Martyrium seien daher die großen nationalen Werte geworden - nach wie vor werde in Belgien ja nicht nur der Soldaten gedacht, sondern gleichberechtigt auch der Erschossenen und Deportierten.

Der deutsche Vormarsch kam zum Stehen, die Front fraß sich in Westflandern fest. Mehr als eine halbe Million Soldaten kamen in der Region in den vier Kriegsjahren um. In Ypern schob sich die Linie nur vier Kilometer hin und her - und das jahrelang. Erstmals wurde massiv Gas als Waffe eingesetzt.

Der Blutzoll des sinnlosen Grabenkrieges war immens: Bei Ypern liegen mehr als 130 000 gefallene Deutsche begraben und etwa 200 000 Soldaten allein des Commonwealth, des Staatenbundes unter Führung Großbritanniens. Noch heute finden flämische Bauern beim Pflügen menschliche Überreste, entstehen auf den gewaltigen Soldatenfriedhöfen neue Gräber.

Nach dem Krieg hätten die Belgier sehr bald "das Gefühl (bekommen), den Frieden verloren zu haben, von den Alliierten verlassen zu sein, sogar verachtet zu werden", so Historikerin Van Ypersele. Dass man im Versailler Vertrag das Gebiet von Eupen-Malmedy (heute der deutschsprachige Teil Belgiens) zugesprochen bekam, war kein Grund zur Freude. Man verstand sich als Märtyrerland.

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© SZ.de/dpa/Dieter Ebeling/odg/joba

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