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Erster Weltkrieg im Nahen Osten:Der deutsche Lawrence von Arabien

Hauptmann Klein Erster Weltkrieg Irak Nahost
(Foto: Preußen-Museum NRW, Wesel)

Deutsche Soldaten zogen im Ersten Weltkrieg in den Irak - um einen Partisanenkrieg gegen die Briten zu führen. Historiker Veit Veltzke dokumentiert eine vergessene Geschichte.

Rezension von Robert Gast

Am dritten Tag verwandelt sich der Sonnenbrand auf den Schultern von Kommandoführer Hans Lührs in eitrige Wunden. Die Kleider haben ihm Räuber schon am ersten Tag abgenommen.

"Dschibe Fulus!", schreien sie jedes Mal, wenn sie Lührs' geschundenes Trüppchen durch die Wüste stolpern sehen: "Geld her!" Dazu fuchteln sie bedrohlich mit Dolchen - und drücken Lührs den Mund auf. Der Fremde mit den eitrigen Wunden könnte dort ja Gold verstecken.

Hans Lührs und seine drei Kameraden wehren sich nicht. Sie tragen längst nichts mehr am Körper - außer den Lumpen, die sie sich als Sonnenschutz um den Kopf legen. Die Soldaten gehören zu einer deutschen Partisanen-Gruppe, die eine britische Ölpipeline gesprengt hat. Und die nun von britischen Truppen durch die irakische Wüste gejagt wird.

Schauplatz dieser Hatz ist der Irak während des Ersten Weltkriegs. Zwischen Euphrat und Tigris kämpfte das Osmanische Reich als Verbündeter des Deutschen Reichs gegen britische Truppen, die am Persischen Golf unter anderem strategisch wichtige Ölquellen schützten.

Hans Lührs' Einheit war Teil der "Expedition Fritz Klein", einer deutschen Sondereinheit, die im Auftrag des Deutschen Kaisers Sabotageakte gegen die Briten durchführte.

Es war eine vergessene Geschichte, die nun dank des Historikers Veit Veltzke aufgearbeitet wird. Veltzke, Direktor des Preußen-Museums NRW in Wesel, erhielt vom Sohn des Expeditionsführers Klein vor einigen Jahren eine Box mit alten Fotos. Der Historiker recherchierte daraufhin die Geschichte der deutschen Militärmission in Archiven nach. Das Ergebnis ist nun als Buch erschienen ("Unter Wüstensöhnen", Nicolai Verlag).

Herausgekommen ist ein bemerkenswerter Bericht. Zum einen dürften nur wenige Menschen wissen, dass das Deutsche Kaiserreich Partisanen in den Irak entsandte. Zum anderen erinnert das akribisch recherchierte Buch daran, dass viele der heutigen Konflikte im Orient sehr alt sind. Der Kampf ums Öl, der Heilige Krieg, das Zusammenprallen verschiedener Ethnien und Stämme - all das prägte den Nahen Osten bereits vor hundert Jahren.

Hans Lührs (Mitte) und seine Männer nach dem viertägigen Marsch durch die Wüste - ausgeraubt bis auf wenige Lumpen.

(Foto: Preußen-Museum NRW, Wesel)

In diese Welt entsendet der deutsche Generalstab 1914 Hauptmann Fritz Klein. Dabei gaben laut Veltzke wirtschaftliche Interessen den Anstoß. Deutsche Unternehmen hätten das Ziel vorgegeben, "die deutsche Hand" auf die Ölquellen am Persischen Golf zu legen.

Kleins 70-köpfige Truppe war nicht die einzige Orientexpedition des Kaiserreichs, laut Veltzke aber die mit dem "greifbarsten Erfolg": Fritz Klein sei nicht weniger erfolgreich gewesen als der berühmte Lawrence von Arabien (Thomas Edward Lawrence), der auf der Arabischen Halbinsel für das britische Empire einen Guerilla-Kampf führte.

Dschihad gegen Russland und das Britische Empire

Minutiös zeichnet das Buch die Reise von Kleins Expeditionskorps nach, dem neben Soldaten auch Archäologen und Ingenieure angehörten. Von Konstantinopel, wo der Trupp der osmanischen Armee unterstellt wird, geht es in den Irak und schließlich nach Persien.

Unterwegs führt Klein geheime Verhandlungen mit schiitischen Geistlichen, die Russland und dem Britischen Empire im November 1914 den Dschihad erklärten. Bei diesem Aufstand von Stämmen kam der Geheimdiplomatie der Gruppe Klein eine "erhebliche Bedeutung" zu, so Veltzke.

Die britische Pipeline, die Hans Lührs und seine Männer teilweise zerstörten.

(Foto: Preußen-Museum NRW, Wesel)

Wer zuvor nichts über den Ersten Weltkrieg im Orient gelesen hat, muss bei dieser und anderen Episoden aufpassen, den Überblick nicht zu verlieren. Zu zahlreich sind die Verflechtungen des Osmanischen Reichs und seiner Diener.

Aber es lohnt sich, den stets klar strukturierten Ausführungen des Historikers Veltzke zu folgen. Denn nicht zuletzt die regelmäßig in den Text eingestreuten Tagebucheinträge von Fritz Klein und seinem Adjutanten Edgar Stern machen die vergessene Expedition auch sinnlich begreifbar.

Sie erzählen vom Zauber arabischer Märkte, vom Schrecken der Pest und von Heuschreckenplagen. In manchen Passagen erinnern nur Details daran, dass die Deutschen in kriegerischer Mission unterwegs sind: Ein Automobilingenieur in Kleins Truppe bastelt Minen.

Hauptmann Klein selbst empfiehlt dem Gouverneur von Bagdad, Getreidediebe öffentlich hinzurichten. Zusammen mit den körnigen Fotos, die in der Buchmitte eingebunden sind, entfaltet sich so das Panorama einer turbulenten und seltsam aktuellen Episode der Weltgeschichte.

70 Millionen Gallonen Rohöl gingen den Briten wegen der Sabotageakte verloren

Den dramaturgischen Höhepunkt des Buches bilden schließlich die Erinnerungen Hans Lührs', der 1915 im Auftrag Kleins die Pipeline-Anschläge in der Nähe der irakischen Stadt Amara verübte.

70 Millionen Gallonen Rohöl sollen den britischen Streitkräften wegen der Sabotageakte verloren gegangen sein - ein Verlust von geschätzt mindestens 12 Millionen Reichsmark. "Mehr, als die persischen Unternehmungen uns bislang gekostet haben", berichtete das Auswärtige Amt.

Und auch die Flucht aus Amara, das von den Briten eingenommen wurde, gelingt Lührs und seinen Kumpanen. Nach vier Tagen qualvollem Marsch durch die Wüste werden sie schließlich von Verbündeten des Deutschen Reiches aufgegriffen. Die Teilnehmer der Expedition sollte ihr Ausflug in den Orient tief zeichnen.

Bei Fritz Klein führte er gar zu einem Sinneswandel: Nach dem Krieg wurde der Hauptmann erkenntnistheoretischer Philosoph und Imperialismus-Kritiker.

Veit Veltzke: "Unter Wüstensöhnen", 400 Seiten, Nicolai-Verlag.

© Süddeutsche.de/mane/odg

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