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Ende Erster Weltkrieg 1918:Das Trauma der deutschen Niederlage

Fahnenappell des "Stahlhelm"

Monarchistisch, antidemokratisch und antisemitisch: Der nach der Kriegsniederlage gegründetete deutschnationale Frontkämpferbund "Stahlhelm" feiert unter alten kaiserlichen Reichskriegsflaggen und Regimentsfahnen das Jahrestreffen. Zur Mahnung an die sog. "Schande von Versailles" tragen die Flaggen Trauerflore.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Historiker Gerd Krumeich dokumentiert, wie vor 100 Jahren Nationalisten mit Lügen und Verschwörungstheorien die deutsche Demokratie bekämpften - aber ist Weimar wirklich ein Kind des Weltkrieges?

Wie fast immer lohnt es sich, Entwarnung zu geben. Gerd Krumeich will mit seinem neuen Werk nicht den revisionistischen Geschichten zur Weimarer Republik neues Leben einhauchen. Zwar erheischte der Autor im Vorfeld kokett mit der Frage Aufmerksamkeit, ob es denn nicht einen "wahren Kern" der sogenannten Dolchstoßlegende gebe.

Doch in seinem Buch über das Trauma der Kriegsniederlage verteidigt der Düsseldorfer Historiker keineswegs den Mythos, nach dem die Deutschen den Ersten Weltkrieg gewonnen hätten, wenn nicht die eigentlich unbesiegte Armee von den Linken mit Sozialismus und Revolution quasi von hinten gemeuchelt worden wäre.

Aufmerksamkeit tut freilich not, will man nicht im Meer der Publikationen zum Ende des Weltkrieges untergehen. Zumal, wenn die Thesen und Ideen nicht wirklich neu sind. Dass der Erste Weltkrieg für die Weimarer Republik ein schweres Erbe war und allerhand Nationalisten und Völkische die Kriegsniederlage nutzten, um mit Ressentiments gegen die Demokratie zu hetzen, das ist bekannt und in einer geradezu unüberschaubaren, guten, differenzierten Forschung dargelegt - die Gerd Krumeich würdigt und zitiert.

Wohl auf nichts waren die Gesellschaften weniger vorbereitet als auf das große Abschlachten

Und doch lohnt sich die erneute Auseinandersetzung mit den Erklärungen, Lügengeschichten, Mythen, Verschwörungstheorien, die der Autor etwas missverständlich mit dem Plural "Dolchstoßlegenden" zusammenfasst. Denn Krumeich stellt aus einer neuen Perspektive dar, wie der Krieg und seine Verwüstungen und die Gewalt Deutschland geprägt haben.

Das wird gerade im Vergleich mit der Zeit vor dem Krieg deutlich, in der physische Gewalt abgenommen hatte und Frauenrechtlerinnen, reformfreudige Sozialdemokraten, Pazifisten und andere Weltverbesserinnen einflussreich geworden waren.

Die Zeit um 1900 hatten viele Menschen als Aufbruch in eine helle Zukunft empfunden, und wohl auf nichts waren die Gesellschaften weniger vorbereitet als auf das Abschlachten in einem jahrelangen Weltkrieg.

Gerd Krumeich nun spricht von einem Trauma, das durch den Gewalteinbruch, die Niederlage und den Friedensvertrag entstanden sei, und er plädiert dafür, das Konzept des Traumas systematisch für eine Interpretation der Weimarer Republik zu nutzen. Um die Genese dieses Traumas zu verstehen, geht Krumeich dem Entsetzen der deutschen Bevölkerung nach, ihrem ungläubigen Staunen insbesondere über das eigene Elend.

Viele der heute als hochproblematisch angesehenen und daher zuweilen aus der historischen Analyse ausgeblendeten Diskurse fanden weite Verbreitung.

An den Kern der Dolchstoßlegende, dass das Heer im Felde unbesiegt geblieben sei, glaubten indes 1918/19 die wenigsten; die Niederlage war evident, betont der Autor. Unklar erschien hingegen den meisten, ob die deutsche Armee für einen besseren Friedensabschluss noch einige Zeit hätte weiterkämpfen sollen. Wohlgemerkt: Das ist kein historisch offenes Problem, aus heutiger Sicht wissen wir es besser.

Aber wie so häufig blieb die posthume Klarheit den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen verwehrt. Besonders grimmig klang der geballte Protest gegen den Versailler Friedensvertrag.

Auch Liberale und Linke empörten sich über den Versailler Friedensvertrag

Die Gelehrten Ernst Troeltsch und Max Weber zeigten sich empört über die Zumutung der Alliierten, die Kriegsschuld allein den Deutschen anzurechnen. Kurt Tucholsky sprach von einem "Vernichtungsfrieden", und der Zeitungsmacher Theodor Wolff wies in seinem linksliberalen Berliner Tageblatt das Friedensabkommen scharf zurück.

Ganz unabhängig davon, wie wir heute den Vertrag von Versailles einschätzen: Von wenigen Ausnahmen abgesehen erschien er den Deutschen damals unerträglich.

Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik. Verlag Herder, Freiburg 2018. 336 Seiten, 25 Euro.

Damit endete aber die Einmütigkeit im Land der Verlierer. Wie hatte es zu dieser Niederlage und diesem Frieden kommen können - das war das große Rätsel der entfremdeten, traumatisierten, zunehmend mit Hass beseelten deutschen Bevölkerung. Die Verbitterung, so Krumeich, nahm den Deutschen die Freiheit, aufzubrechen in die Zukunft.

Der kühle Blick auf die Dolchstoßlegende und auf die weitverbreiteten rachsüchtigen Mythen - ohne sich durch normative Vorannahmen abschrecken zu lassen - ermöglicht Krumeich, das Mindsetting der Zeit präzise zu analysieren. Dafür lohnt sich die Lektüre des Buchs unbedingt.

Ein düsteres Seelenpanorama, dass kaum auf die Jahre der Stabilisierung passt

Doch wird durch die dadurch gewonnenen Einsichten die Annahme überzeugender, die Weimarer Republik ließe sich durchgehend als "Kind des Großen Krieges" interpretieren?

Krumeichs düsteres Seelenpanorama passt kaum auf die Jahre der Stabilisierung, in denen der Friedensvertrag in den Hintergrund trat und Versailles-Kritiker wie Troeltsch zu Verteidigern der Republik geworden waren.

Lässt sich die Forschung etwa von Thomas Mergel so übergehen, der bereits 2002 mit seinem Buch über das Parlament in Weimar auf die grundsätzliche "Offenheit der Optionen" und auf eine erklärungswürdige Stabilität von Weimar hingewiesen hat?

Und zeigt nicht eine erst jüngst aufblühende Forschung die großen Chancen der jungen Demokratie, wenn beispielsweise Tim B. Müller die intellektuellen, republikanischen Kräfte und den Ausbau eines demokratischen Kapitalismus analysiert?

Wer gar einen Blick auf die Frauen wagt - wie die britische Historikerin Helen Boak -, kann die Aufbrüche und den Optimismus im Arbeitsleben, in der Bildungslandschaft und in den Familien schwerlich übersehen. Lässt sich tatsächlich ausblenden, dass es doch auch ganz anders hätte kommen können?

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