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Erster Weltkrieg:Die Lage spitzt sich zu: Ein ganzes Korps muss nach Deutschland

Die Griechen waren "alle schwarz gekleidet, die Frauen trugen zusätzlich schwarze Tücher auf den Köpfen... die vorwiegend dunkle Unterwäsche wurde auf den Balkons und an den Fenstern aufgehangen, was der Stadt einen exotischen Ton gab" (aus einer Materialsammlung des Vereins "Europa-Haus Görlitz").

Als den Geflüchteten klar wird, dass sie so bald nicht, ja vielleicht nie, zurückkehren werden, passen sie sich an. Die Kinder lernen Polnisch, werden katholisch getauft, weil orthodoxe Pfarrer fehlen, es gibt Mischehen. Aber ihre Musik pflegen die Griechen weiter - weshalb Tietz in Leipzig und Zgorzelec auf ihre Schallplatten stößt.

An Kommandant Ioannis Chatzopoulos erinnert heute eine Grabstele auf dem städtischen Friedhof, Betriebsleiterin Evelin Mühle ließ sie wieder aufstellen.

(Foto: Ermippos)

Als die DDR dann niemanden mehr am Reisen hindern kann, weil sie selbst Geschichte ist, macht sich Tietz erstmals auf nach Griechenland, klassisch, im Trabi. Auf der Halbinsel Chalkidiki wird er gefragt, "warum ein deutscher Doktor ein so kleines Auto hat". Der Doktor wiederum findet rasch heraus, dass er in all den Jahren aus der Distanz die Griechen doch "etwas idealisiert" hat. Dennoch fühlt er sich recht wohl in der erträumten Zweitheimat, bei Rembetiko und Retsina.

Erst vor etwa fünf Jahren hat Tietz dann von einem alten Lehrer erfahren, warum noch zu DDR-Zeiten, Ende der Siebzigerjahre, an seinem Gymnasium ein Stapel historischer Zeitungen aussortiert wurde. Als Schüler hatte er sich ein paar der Blätter geschnappt, weil sie in diesen seltsamen griechischen Lettern bedruckt waren, die ihn so interessierten.

Sieben restaurierte Grabsteine und ein historischer Lageplan

"Latein und Griechisch hätten an einer sozialistischen Schule nichts verloren", das war die Begründung für die Säuberungsaktion. Tietz hat sich auch den Titel der Zeitungen gemerkt: NEA TOY Görlitz (Neues aus Görlitz). Seltsamerweise waren sie einst in Görlitz gedruckt worden - und zwar 1916. Jetzt muss man die Erzählung auf dem Görlitzer Friedhof fortsetzen, bei Evelin Mühle, der Betriebsleiterin. "Bei uns wird ja wenig weggeworfen", sagt Mühle und stellt eine große braunstichige Pappe auf den Tisch, den Plan eines alten Gräberfelds, mit der Aufschrift: 22a Griechen.

Gesucht und gefunden hat Mühle den historischen Lageplan, nachdem ein Steinmetz einen überwucherten Grabstein freigelegt hatte, mit einem Namenszug in griechischen Lettern. Sieben Granitsteine haben sie dann insgesamt entdeckt, restauriert und wieder aufgerichtet, und damit kam die älteste, schier unglaubliche Geschichte der Griechen von Görlitz ans Tageslicht.

Die führt zurück auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Der griechische König Konstantin I., der mit einer Schwester von Kaiser Wilhelm II. verheiratet war, sympathisierte mit dem deutschen Kaiserreich, die Regierung in Athen unter Eleftherios Venizelos aber mit den Alliierten Großbritannien und Frankreich. Venizelos wurde schließlich entmachtet.

Die Spannungen wurden richtig angeheizt, als bulgarische Truppen (mit Zustimmung Berlins) in Griechenland einmarschierten - obwohl der deutsche Botschafter in Athen den Griechen zugesichert hatte, die Souveränität ihres neutralen Landes werde gewahrt. Im östlichen Makedonien geriet daraufhin das dortige IV. Griechische Armeekorps in höchste Bedrängnis. Die Lage spitzte sich so zu, dass Korps-Kommandant Oberst Ioannis Chatzopoulos auf eine ungewöhnliche Idee kam.

Um der Gefangennahme zu entgehen, wandte er sich an Generalfeldmarschall Hindenburg und fragte, ob es möglich sei, das gesamte Korps samt Waffen nach Deutschland zu überführen und seinen Aufenthalt bis Kriegsende zu sichern. Andernfalls wollte man sich in Thessaloniki, wo Venizelos eine Gegenregierung geschaffen hatte, den Briten ergeben.

Görlitz begrüßte mit Girlanden und Militärmusik

Kurios, aber Hindenburg stimmte zu, und so begann der Abmarsch von Kavala nach Norden. Zwischen 15. und 27. September 1916 machten sich 6100 Soldaten und 430 Offiziere in zehn Eisenbahnzügen auf den Weg nach Görlitz, weil es dort Platz in einer leeren Kaserne gab. Sogar Gebirgskanonen hatten die Griechen dabei. Die Offiziere brachten auch Frauen und Kinder mit. Viele dieser Details hat der in Berlin lebende griechische Autor Gerassimos Alexatos ausgegraben, er forschte unter anderem im Archiv der griechischen Heeresführung.

Der Empfang in Görlitz war ausgesprochen herzlich, Willkommenskultur mitten im Weltkrieg. Es gab Girlanden und Transparente mit der Aufschrift "Xairete" (Seid gegrüßt), eine Militärkapelle spielte.

Das Ganze war natürlich auch ein Propaganda-Coup, der Transport von Streitkräften eines neutralen Landes nach Deutschland empörte Berlins Kriegsgegner. In philhellenischen Kreisen aber war die Begeisterung echt. Sie führte gar, wie Alexatos schreibt, "zur ersten halboffiziellen Reiseempfehlung zugunsten des noch nicht existierenden griechischen Tourismus (Zeitungsaufruf: 'Nach Griechenland')". Mitten im Krieg war das gewagt.

Görlitz stellte sich auf die "Gast-Gefangenen" ein, Wirtshäuser wetteiferten mit griechischen Speisekarten ums neue Publikum, die Offiziere bekamen schließlich ihren Sold weiter, sie durften privat wohnen. Die einfachen Soldaten mussten abends zurück in die Kaserne. Die deutsche Heeresleitung und die Regierung stellten aus einem eigenen "Griechenfonds" gut zehn Millionen Mark zur Verfügung.

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