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Erster Weltkrieg:Als die Griechen nach Görlitz kamen

Nach der Ankunft am Bahnhof von Görlitz zog das griechische Armeekorps 1916 mitten durch das Zentrum der Stadt.

(Foto: Stadt Görlitz)

Vor 100 Jahren verschlug es Tausende griechische Soldaten nach Sachsen. Mancher fand hier seine Liebe. Eine lange vergessene Geschichte deutscher Willkommenskultur.

Von Christiane Schlötzer, Görlitz

Athen, im Sommer 1967. In Griechenland haben rechtsgerichtete Offiziere geputscht, sie durchkämmen die Stadt nach Widerständlern, wer entdeckt wird, landet in Folterkellern. Am 21. August fällt den Häschern Mikis Theodorakis in die Hände. Der Mann ist eine Legende, als Musiker und Gegner der Diktatur.

Kurz danach, gut 1600 Kilometer Luftlinie von der Akropolis entfernt, in einer idyllisch gelegenen Stadt an der Neiße, hört der Schüler Klaus-Dieter Tietz erstmals das metallische Gezirpe einer Bouzouki. "Radio DDR spielte aus Solidarität mit Theodorakis dessen Lieder", erinnert sich Tietz, "das war mein erster Kontakt mit griechischer Musik." Es muss eine Art Erweckungserlebnis gewesen sein. Denn wie sich eine Diktatur anfühlt, das weiß der junge DDR-Bürger da schon, das macht ihm die bedrängten Griechen sofort sympathisch.

Was er nicht ahnt: Zwischen seiner Heimatstadt Görlitz - "wo wir jeden Morgen den Kohlestaub von den Fensterbrettern kehrten" - und jenem fernen Land an der blauen Ägäis gibt es eine geradezu innige Verbindung. Sie ist, historisch gesehen, sogar einmalig. Sie war nur vergessen, vergraben, unsichtbar.

Klaus-Dieter Tietz, eisgrauer Schnauzer, wasserblaue Augen in einem Meer aus Lachfältchen, lebt auch heute noch in Görlitz. Er ist jetzt 63, Arzt, liebt melancholische, griechische Balladen und er weiß noch gut, wie das war, als es Deutschland zweimal gab. Westdeutschland war unerreichbar, Griechenland sowieso.

Kontaktverbot, doch die Stasi verstand kein Griechisch

Damals, als Panzer durch Athen rollten, entstanden in München und Hamburg Hellas-Hilfskomitees, aber nebenbei sehnte man sich auch nach dem Süden. Wer in der DDR lebte, der konnte jedoch nicht einfach "Zum Griechen" an der Ecke gehen und sich mit Sorbas und Sirtaki wegträumen. "Bei uns gab es ja keine Tavernen und keine griechischen Gastarbeiter", sagt Tietz.

Was also tun? "Ich habe überall nach griechischer Musik gesucht", erinnert sich Tietz. Der Troubadour Theodorakis fällt in Berlin-Ost bald wieder in Ungnade, er hat seine Freiheitsliebe zu laut besungen. Der Medizinstudent Tietz geht die Sache systematisch an, er bringt sich erst einmal Griechisch bei, mit einem aus dem Russischen übersetzten Lehrbuch.

Und er schreibt an Radio Athen, "obwohl die Kontaktaufnahme mit imperialistischen Staaten verboten war, aber die Stasi konnte wohl kein Griechisch, so gingen die Briefe durch die Zensur". Fündig wird er dann, gänzlich unerwartet, im "Polnischen Informationszentrum" in Leipzig. "Da gab es griechische Schallplatten, aus Polen, aus Zgorzelec." Da staunte Tietz, denn Zgorzelec liegt ja gleich auf der anderen Seite der Neiße.

Görlitz wurde 1945 in eine deutsche und eine polnische Stadt geteilt. Im Jargon der DDR ist der Fluss die "Friedensgrenze". Die war für DDR-Bürger allerdings "rappeldicht", wie Tietz sagt. Wer rüber wollte zu den polnischen Nachbarn, brauchte Einladungen, Genehmigungen, Stempel und wieder Stempel, weshalb es auch eine Weile dauert, bis Tietz erstmals nach Zgorzelec darf, wo er schließlich erfährt, was seine Stadt mit Griechenland verbindet. Aber die ganze Geschichte ist das auch nicht.

Polnische Stadt mit mehr Griechen als Polen

Bevor man sich die erzählen lässt, noch ein Blick auf die träge dahinfließende Neiße, die nichts mehr trennt. In Görlitz schmiegt sich die deutsche Geschichte an den Fluss, Kirchen aus der Spätgotik, Barockpaläste, eine Jugendstil-Synagoge, 1000 Jahre Urbanität. Zwei Minuten dauert ein Spaziergang über die Altstadtbrücke von Deutschland nach Polen, grenzkontrollfrei.

Fahrradfahrer klingeln sich durch Fußgängerreihen. Drüben in Zgorzelec sind die Zigaretten billiger, auf der deutschen Seite trinkt man den Espresso unter Baldachinen vor herausgeputzen Altbauten, neben chinesischen Touristen, die in ihren Smartphones versinken.

Klaus-Dieter Tietz taucht in die griechische Historie ab: "Da gab es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Bürgerkrieg; als der im Oktober 1949 zu Ende war, mussten Zehntausende Kommunisten fliehen, 14 000 kamen nach Polen, die meisten nach Zgorzelec." Dort gab es Platz, auch in den Häusern der vertriebenen Deutschen. "Zgorzelec wurde zur Republika Grecka", mit zeitweise mehr Griechen als Polen.

Aber die Regierung in Warschau wollte von den Gästen möglichst wenig Aufhebens machen, wohl um Neidgefühle bei der notleidenden eigenen Bevölkerung zu vermeiden. Schließlich bekamen die Griechen, unter ihnen viele Kriegsinvaliden, Verpflegung und medizinische Betreuung. Von einem Zusammenprall der Kulturen berichten Zeitzeugen.

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