Erster Bundeskanzler "Adenauer hat das Ansehen Deutschlands wiederhergestellt"

Der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering: Zukunft braucht Herkunft

(Foto: dpa)

Was bleibt von Adenauer? Warum setzte er auf Personal mit Nazi-Vergangenheit? Fragen zum ersten Bundeskanzler an Hans-Gert Pöttering, Chef der Adenauer-Stiftung.

Interview von Lars Langenau

Der CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, 71, war seit der ersten Direktwahl 1979 bis 2014 ununterbrochen Europaparlamentarier, von 1999 bis 2007 Vorsitzender der EVP-Fraktion, von 2007 bis 2009 Parlamentspräsident. Seit 2010 ist der Niedersachse Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.

SZ: Am heutigen 19. April ist der 50. Todestag von Konrad Adenauer. Warum sollten wir uns ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch an den ersten Kanzler der Bundesrepublik erinnern?

Hans-Gert Pöttering: Zukunft braucht Herkunft. Die Politik Konrad Adenauers steht für Freiheit, für die Wiedervereinigung Deutschlands und Europas in Freiheit. Für die Versöhnung zwischen den europäischen Völkern und für die Überwindung des Nationalismus. Das ist alles hochaktuell. Gerade weil uns seine Person etwas über die Zukunft lehren kann, ist es wichtig, dass wir uns an ihn erinnern.

Wäre ein Politiker wie Konrad Adenauer heute noch mehrheitsfähig?

Die Frage ist hypothetisch. Zu seiner Zeit war Adenauer die richtige Person am richtigen Ort. Das gleiche trifft etwa auch auf Papst Johannes Paul II. zu, der die Polen in den 80er Jahren dazu ermunterte, ohne Angst ihr Land zu verändern und damit die Welt.

Adenauers und sein Gegenspieler, der SPD-Chef Kurt Schumacher, waren die beiden prägenden deutschen Politiker der Nachkriegszeit. Wo gab es den meisten Streit zwischen den beiden?

Die Frage, wie man die deutsche Einheit wieder erreichen kann. Adenauer sah die Einigung Deutschlands in der Westbindung, die SPD hingegen in einem neutralen Deutschland. Adenauer glaubte an die Kraft der Freiheit und der westlichen Werte und war sich sicher, dass sich Deutschland durch die Anziehungskraft der westlichen Welt irgendwann wieder als Einheit in der Freiheit wiederfinden würde. Und das ist dann ja 1989/90 auch so gekommen. Gerade wir Deutsche sollten dabei nicht vergessen, wie viel wir dabei den Polen und den Ungarn zu verdanken haben. Auch das verpflichtet uns mit diesen beiden Ländern und anderen Ländern der EU den europäischen Weg mit Entschlossenheit weiter zu gehen.

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Am Ende seiner Regierungszeit galt Adenauers Politik als veraltet. Als es dann ab 1966 unter Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt eine große Koalition gab, regte sich der Widerstand auf der Straße. Es bildete sich die APO, die Außerparlamentarische Opposition, die sich auch an der blinden Wirtschaftswunderpolitik rieb, für die Adenauer die Grundlagen gelegt hatte. Sehen Sie diesen Protest im Rückblick als gerechtfertigt?

Ich halte es für gerechtfertigt, dass viele Studenten in Adenauers Todesjahr 1967 und vor allem danach für eine verbesserungswürdige Demokratie eingetreten sind. Allerdings taten sie das auf der Grundlage einer stabilen Demokratie, die Deutschland damals schon war. Letztendlich setzte sich damals aber die Ansicht durch, dass die Regierung von heute die Opposition von morgen ist - und umgekehrt.

Allerdings war Adenauers Regierung, die Ministerien und die Verwaltungen der jungen Bundesrepublik durchdrungen von Alt-Nazis.

Natürlich gab es auch kritische Entwicklungen, aber Adenauer ist es nun mal zu verdanken, dass trotz dieser Tatsachen das Vertrauen in Deutschland wieder hergestellt wurde. Sein Anliegen ist auch noch heute Anspruch und Auftrag für die Zukunft: Ein freies, geeintes Europa.

Doch wie konnte der erklärte Nazi-Gegner Adenauer so den schwer belasteten Verwaltungsjurist Hans Globke, einst Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, zum Staatsekretär im Bundeskanzleramt machen?

Man muss jeden Menschen zubilligen, dass er aus einem Saulus zu einem Paulus werden kann. Selbst wenn in den 50er Jahren weder im menschlichen Zusammenleben noch in der Politik alles perfekt war, muss man doch sagen, dass Konrad Adenauer die Persönlichkeit war, die das Ansehen Deutschlands in Europa und in der Welt wiederhergestellt hat. Dass die Deutschen ihm vertrauten, hat sich bei den Wahlen 1957 gezeigt, als er als Spitzenkandidat der CDU/CSU mit der absoluten Mehrheit der abgegebenen Stimmen gewann.

Welche Rolle spielte der Mangel an geeigneten Bürokraten, dass man bei der Besetzung des neuen Spitzenpersonals auf belastete Personen zurückgreifen musste?

Viele waren mit Schuld beladen, aber wir können die Situation nur schwer von heute aus betrachten. Heute leben wir in einer freien Welt, die in den 30er und 40er Jahren keineswegs so war. Wir wissen einfach nicht, wie wir uns selbst zu dieser Zeit verhalten hätten. Nehmen wir ein Beispiel, dass nicht so lange zurückliegt: Der spätere polnische Präsident und Solidarność -Anführer Lech Wałęsa hat möglicherweise in seinen Jugendjahren auch Fehler begangen, aber was er später für die Freiheit Polens und die Aufhebung der Teilung Europas geleistet hat, wiegt umso mehr. Wir sollten deshalb das Positive sehen.

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Für Adenauer war es besonders wichtig, sich mit dem jungen Staat Israel zu versöhnen. Wie war das möglich?

Sowohl Israels erster Ministerpräsident David Ben-Gurion als auch Konrad Adenauer waren bemüht, in die Zukunft zu blicken, obwohl die Vergangenheit so dunkel war.

Mitte der 60er Jahre erlebte die NPD einen starken Aufschwung. Haben Sie die Rechtsradikalen damals als junger Mensch als Bedrohung wahrgenommen?

Für mich waren die Erfolge der NPD, nur wenige Jahre nach der nationalsozialitischen Schreckensherrschaft völlig unvorstellbar. Es empörte mich, wie diese Partei versuchte, die Taten dieses verbrecherischen Regimes zu verharmlosen. Doch leider gibt es diese Tendenz heute wieder - und wir müssen abermals der Verfälschung der Geschichte mit aller Kraft entgegentreten.

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Was halten Sie von der Entwicklung Polens und Ungarns im europäischen Kontext?

Als Deutsche sollten wir sowohl gegenüber Polen als auch Ungarn nicht diejenigen sein, die mögliche Fehlentwicklungen als Erste kritisieren. Wir haben im Vertrag von Lissabon einen Mechanismus geschaffen, der es der EU-Kommission gemeinsam mit dem EU-Parlament und dem Ministerrat möglich macht, Beeinträchtigungen demokratischer Rechte in den Mitgliedstaaten nachzugehen. Das ist heute keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Mitgliedsstaaten mehr, sondern die gemeinsame Verteidigung unserer europäischen Wertegemeinschaft. Es ist Aufgabe der EU-Kommission diese Kontrollfunktion wahrzunehmen und ich empfehle der Bundesregierung, sich in diesen Fragen zurückzuhalten.

Sie waren langjähriger Europapolitiker. Haben Sie Angst um Europa?

Zwar grassiert der Populismus - nicht nur der AfD - zurzeit in vielen Teilen Europas, aber ich bin überzeugt, dass unsere Grundwerte Bestand haben.

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