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Eröffnung des Holocaust-Mahnmals:In einem Feld voller Stolpersteine

Die Annäherung an das Unfassbare mit Worten und Stelen

"Ich bin die Stimme der sechs Millionen ermordeten Juden. Ich bin die Stimme von anderthalb Millionen, die damals Kinder waren. Und ich bin die Stimme der wenigen Überlebenden."

Symbol des Unfassbaren: Das Holocaust-Mahnmal ist eröffnet.

(Foto: Foto: AP)

Es war Sabina van der Linden, eine schöne alte Dame aus Sidney, die mit ihrer ergreifenden Rede, vorführte, wie dieses Denkmal im Zusammenspiel mit dem "Ort der Information" funktionieren könnte: Die Symbolisierung des Unfassbaren durch das Feld der Stelen, offen, ohne Zaun und ohne Interpretationsgeländer. Und die Konkretisierung des Unfassbaren durch das Narrativ der Opfer.

Sorge vor antisemitischen Nachbarn - im Jahr 2005

"Sehen sie in mir nicht die alte Frau, die ich heute bin", sagte sie. "Sehen sie in mir das 11 jährige Mädchen, das ich damals war." Und dann erzählte sie von Mord und Vergewaltigung, davon, wie sie plötzlich einen gelben Stern tragen musste, nicht zu Schule gehen und die geliebten Tiere nicht behalten durfte.

Ein kleines Mädchen, das sich immer nur fragte: Warum? Auch, als Vater, Mutter, Brüder, Schwestern und alle Verwandten ermordet waren. Und sie fragt sich das immer noch: Warum? Beim Sprechen und Erinnern kamen ihr die Tränen. Die meisten Zuhörer hatten ohnehin Tränen in den Augen.

Vor ihr glaubten offenbar alle Redner, angesichts dieses einzigartigen, ungewöhnlichen und nun wirklich vor allem unübersehbaren Denkmals mitten in Berlin immerzu betonen zu müssen, dass es nicht das Ende oder, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse formulierte "der steinerne Schlusspunkt unseres öffentlichen Umgangs mit unserer Nazi-Geschichte" sein soll. Wie könnte es das überhaupt?

Schon am Morgen war Berlins Innenstadt wie lahm gelegt: Weiträumige Absperrungen, hohe Sicherheitsstufe, viele sichtbare und noch viel mehr unsichtbare Polizisten. Mehr als tausend Gäste aus der ganzen Welt mussten beschützt, kontrolliert, eingelassen und, sofern sie prominent waren, von einem der 700 Journalisten befragt werden: Wie finden Sie es denn nun?

Eindrucksvoll, zweifellos

"Man muss blind sein, um nicht anzuerkennen, dass das eindrucksvoll ist", sagte zum Beispiel der ehemalige Staatsminister für Kultur Michael Naumann.

Er ist an diesem Mittag als einer der ersten gekommen, obwohl er sich, wie man in der von ihm herausgegebenen ZEIT dieser Woche lesen konnte, bis heute noch nicht wieder davon erholt hat, wie leidenschaftlich und lautstark er und die gesamte SPD-Fraktion von Hans-Jochen Vogel zusammengestaucht wurde, als er die Pläne für das Denkmal kippen und durch ein Museum ersetzen wollte.

Heute lässt Naumann sich als Erfinder des "Ortes der Information" feiern, was so ganz falsch nun wieder auch nicht ist.

Jetzt ist es also fertig, dieses Denkmal, das alle so beharrlich Mahnmal nennen wollen. Jetzt sind - und das ist möglicherweise ja immer wieder das Sym-pathische an Demokratie -, alle offiziellen Menschen dafür. Jedenfalls sind alle gekommen, auch viele Abgeordnete, die in der entscheidenden Abstimmung des Bundestages am 25. Juni 1999, dagegen gestimmt haben.

Und es zeigt sich schon im Gewusel vor der Eröffnung, das da ein wirkliches Denkmal entstanden ist, etwas zum selber Denken. Bevor sie im stickigen Festzelt Platz nahmen, bevor Wolfgang Thierse davon sprach, dass "eine begehrbare Skulptur" entstanden sei, "eine bauliche Sym-bolisierung für die Unfasslichkeit des Verbrechens", waren die meisten Gäste draußen stehen geblieben.

Wo die Blut- und Bodenideologie ihren Anfang nahm

Mit ihren Augen tasteten sie noch einmal den Ort und seine Topographie ab, der deutsche Geschichte und deutsche Gegenwart erzählt, die hier sichtbar ist erzählt: Das riesige schon tausendfach fotografierte Felde dieser verstörenden Betonstelen dort, wo einst das Reichslandwirtschaftsministerium stand, die Produktionsstätte der alles begründenden Blut- und Bodenideologie.

Dort wo später die Mauer mit ihren Selbstschussanlagen stand. Dahinter die sozialistischen Platten-Bauten, - besonders feine Platte für besonders feine Genossen, - die an diesem Tag besonders gesichert und bewacht sind. Die Berliner Polizei befürchtete offenbar antisemitische Kundgebungen von den Balkonen.

Die gläserne Kuppel des Reichstages; Das Brandenburger Tor: Die Dachterassen des exklusiven China Clubs, auf der einige von ihnen vor ein paar Wochen Zeugen wurden, wie jüdische Gäste aus der ganzen Welt sich einigermaßen ostentativ nicht für das Denkmal interessieren, das ihrer Meinung nach Sache und Angelegen-heit der Deutschen ist.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sag-te es so: "Unsere Stätten des Gedenkens, Trauern und Erinnerns" sind die Mahn- und Gedenkstätten an den authentischen Orten des Geschehens. Nirgendwo sind wir den Verstorbenen näher."

Erstaunlicherweise schienen viele im Publikum überrascht bis erschrocken, das Paul Spiegel das Denkmal nicht einfach lobte, sondern auch kritisierte: Das Denkmal eher die Opfer, verweise aber leider nicht auf die Motive und Vorge-hensweise der Täter und entziehe sich so der Frage nach dem Warum.

17 lange Jahre

Alle Protagonisten dieser und ähnlicher Auseinandersetzung um das Denkmal saßen in den ersten Reihe. Sie sind alt geworden in den 17 Jahren, die vergangen sind, seitdem Lea Rosh 1988 im "Vorwärts" zum ersten Mal das Denkmal für die ermordeten Juden gefordert hat. So lange kann es dauern, bis etwas Gutes zu seinem Ende kommt.

Wie schnell dagegen sich in einem scheinbar zivilisierten Land etwas Vernichtendes und Menschenverachtendes wie das Regime der Natio-nalsozialisten entfalten und durchsetzen kann. 17 Jahre, das ist länger als die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland gedauert hat, inklusive Zweiter Weltkrieg.

Und es ist sogar noch etwas länger, als es dauern würde, die Namen aller Op-fer auszusprechen, wenn man die Namen denn alle hätte. Die Verantwortlichen der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem haben, nach einigem Zögern, ihre Sammlung der bisher namentlich bekannten Op-fer zur Verfügung gestellt.

Eine große Geste, die Wolfgang Thierse beschämend, rührend und für die Zukunft herausfordernd nannte. 1000 Namen sind bisher für den Ort der Information in Berlin sichtbar gemacht. Der Förderkreis um Lea Rosh wird weiter Geld sammeln dafür, dass nach und nach alle Dreieinhalb Millionen bisher bekannter Namen sichtbar und hörbar gemacht werden.

Danke für die Ungeduld

Ohne die Bürgerinitiative, ohne Lea Rosh, das wurde in allen Reden deutlich, gäbe es dieses Denkmal nicht. Wolfgang Thierse bedankte sich für "ihre geduldige Ungeduld, ihr unbeirrbares, störrisches Engagement".

Und sie? Sie wagte es zum Dank, jenseits aller Denkmaleröffnungsfloskeln, ihre ganz persönliche, nahezu private Geschichte mit dem Holocaust zu erzäh-len. Und auch, dass der Backenzahn eines Opfers, den sie einmal gefunden und der Judenstern, der ihr einmal geben worden ist, jetzt in einer der Stelen einen Platz bekommen werde.

Einige hielten während dieser Rede den Atem an. Weswegen Bundespräsident Horst Köhler, der ein gutes Gespür für offene und ein wenig peinliche Momente hat, glich nach der Rede aufsprang und ihr die Hand gab.

"Ja, es war eine aufwühlende Auseinan-dersetzung", hatte Paul Spiegel gesagt. Und es wird aufwühlende Auseinandersetzung bleiben: Die Bürgerinitiative um Lea Rosh feierte am Abend in einem Berliner Lokal für sich. Wolfgang Thierse gab zur gleichen Zeit ein Essen im Reichstag für 100 geladene Gäste.

Nachts bei Maischberger

Und nachts bei Sandra Maischberger sprach Architekt Eisenmann noch einmal über seine Sicht auf das Feld ohne Eigen-schaften. "Wenn alle das Denkmal lieben, funktioniert es nicht", hat er einmal gesagt.

Ein steinerner Schlusspunkt ist dieses Mahnmal jedenfalls nicht. Von Donnerstag an werden die Besucher entscheiden, ob es funktioniert. Und wie man die Berliner kennt, werden sie alle auf einmal kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas beginnt erst morgen.

© SZ vom 11.9.2005
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