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Ernährung:Das kleinste Übel

Nachhaltig essen kann ziemlich kompliziert sein.

Theoretisch weiß ich natürlich, wie man nachhaltig isst: saisonal, regional, bio, plastikarm, wenig Fleisch, viel Gemüse. Aber sobald ich im Supermarkt stehe, weichen die ökologischen Vorstellungen einem wachsenden Gefühl der Frustration. Der regionale Bio-Joghurt im Glas ist mal wieder aus, weil Supermärkte einen ja mit 15 verschiedenen Joghurtmarken in den Wahnsinn treiben können, aber nicht mehr als fünf Gläser Bio-Joghurt ins Regal bekommen. Soll man den im Plastikbecher nehmen oder den im Glas, der von etwas weiter herkommt, oder den konventionellen Joghurt, dafür regional? Solche Dinge zu klären, ist gar nicht so einfach.

Und es hört nicht beim Joghurt auf. Tomaten regional aus dem Gewächshaus oder aus Italien? Was ist wichtiger - pestizidfreie Landwirtschaft oder kurze Transportwege? Oft weiß ich ohnehin nicht annähernd, welchen CO₂-Fußabdruck ein Produkt hat. Äpfel zum Beispiel sollte man natürlich am besten saisonal kaufen. Wenn man aber doch mal im Frühjahr Äpfel essen möchte, muss man eigentlich erst recherchieren, ob jetzt noch der vom Bodensee oder doch schon der aus Chile die bessere Wahl ist, schließlich kommt der heimische aus dem Kühlhaus. Viel einfacher wäre es, wenn man so etwas am Preis erkennen könnte, aber leider schlagen weder der Transport noch die Kühlhaus-Lagerung groß zu Buche, CO₂-Emissionen sind ja bislang günstig bis umsonst.

Beim Fleisch kann man erst recht verrückt werden. Wenn wir mal - selten - ein richtiges Fleischgericht essen, gehen mein Partner oder ich zum Bio-Metzger, aber da schaffen wir es nicht immer hin, um die Alltagswurst zu kaufen, die meine drei Kinder nun mal lieben. An der riesigen Fleischtheke im Supermarkt gibt es maximal drei Bio-Wurstsorten, und es sind die falschen. Also: Bio-Wurst, abgepackt in Kleinstmengen in einem absurden Wurst-zu-Plastik-Verhältnis, oder konventionell, dafür plastikfrei? Und: lieber Huhn, wegen des relativ guten Futter-zu-Fleisch-Verhältnisses, oder lieber Rindfleisch aus Weidehaltung, weil das eine sinnvolle Nutzung von artenreichen Wiesen ist - trotz Methanausstoß?

Hinzu kommt: Unser Laden hat Dosentomaten (meist besser als Glasflasche) nur in 400-Gramm-Dosen. Bei unserem kompanieartigen Verbrauch ist das eine reine Müll-Steigerungsmaßnahme.

Neben Arbeit und Kindern hat man nicht viel Zeit oder Energie übrig, um sie ins richtige Einkaufen zu stecken. Warum verlangt dieses dysfunktionale System Menschen, die es einfach nur richtig machen wollen, einen solchen Aufwand ab? Wie soll man als einzelne Verbraucherin diese endlose Kette von Fehlanreizen korrigieren? Also suche ich weiter nach dem kleinsten Übel und versuche nicht allzu oft darüber nachzudenken, wie viel dabei schiefläuft. Wirklich zufriedenstellend ist das nicht.

© SZ vom 15.01.2020
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