Ermordung von Putin-Kritiker Boris Nemzow Tag der Angst

Gedenken an Boris Nemzow in St. Petersburg

(Foto: dpa)

Am 27. Februar 2014 übernahmen russische Soldaten die Kontrolle auf der Krim, er soll in Russland zukünftig ein Feiertag sein. Die russische Opposition wird nach der Ermordung Boris Nemzows an diesem Tag nun jährlich daran erinnert werden, wie gefährlich ihr Engagement ist. Ihr sollte die Solidarität des Westens gelten.

Kommentar von Hannah Beitzer

Noch bevor die Nacht endete, war die Straße wieder sauber. Keine Spur mehr vom Blut des Oppositionspolitikers Boris Nemzow, der Freitagabend in der Nähe des Kremls erschossen wurde, mitten in Moskau, aus einem Auto heraus. Die Behörden gehen von einem Auftragsmord aus.

Ein Auftragsmord? Das sehen auch die Weggefährten des Putin-Kritikers Nemzow so. Sie vermuten allerdings den Kreml hinter der Attacke. Doch natürlich gibt es da auch die anderen, die sofort fragen: Was bringt denn bitteschön Wladimir Putin die Ermordung eines aus den wilden Neunziger Jahren übriggebliebenen Oppositionellen ohne nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung? Stecken dahinter nicht vielleicht ganz andere Kräfte, solche, die Russland destabilisieren, Putin schaden wollen? Und, natürlich: Wo sind die Beweise dafür, dass der Kreml für die Ermordung verantwortlich ist?

Woher sollen die Beweise kommen?

Beweise, ja, die wären schön. Doch woher sollen sie kommen in einem Land, in dem Opposition offensichtlich nicht erwünscht ist? In dem die Massenmedien schon vor Jahren gleichgeschaltet wurden. In dem Behörden kremlkritische Medien drangsalieren. In dem die Polizei Demonstranten verhaftet und eingesperrt. In dem Putin-Gegner in umstrittenen Prozessen verurteilt, weggesperrt werden. In dem Journalisten, Menschenrechtler, Anwälte, Politiker ihr Leben für ihre Überzeugung lassen. So wie die Reporterin Anna Politikowskaja, wie der Anwalt Stanislaw Markelow, die NGO-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa und nun eben Boris Nemzow.

Jener Boris Nemzow, der gemeinsam mit anderen russischen Oppositionellen wegen seiner Kritik des Ukraine-Kriegs von kremltreuen Medien als "Fünfte Kolonne" verhöhnt wurde. Kritiker wie ihn beschimpfte Wladimir Putin nach der Annexion der Krim als "National-Feinde". Beschimpfungen, die radikale Nationalisten dankbar aufgriffen?

Der Oppositionelle Garri Kasparow macht eine "vergiftete Atmosphäre des Hasses, die rund um die Uhr vom russischen Fernsehen genährt wird" für den Tod Nemzows verantwortlich - und will nicht ausschließen, dass radikale Kräfte ohne eine direkte Beteiligung des Kreml den Auftrag für den Mord gegeben haben könnten.

Ermordung von Boris Nemzow

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Trauriges Russland

So oder so: Putins Russland gibt ein tieftrauriges Bild ab, nicht erst seit dem Mord an Nemzow. Das sollte insbesondere denjenigen zu denken geben, die seit Ausbruch des Ukraine-Krise um Verständnis für die "Sicherheitsinteressen" Wladimir Putins werben, ihm eine Einflusssphäre bis weit hinein in fremde Länder zugestehen wollen und bewundernd dessen hohe Zustimmungswerte in der russischen Bevölkerung hervorheben. Denn was sagen die schon, wenn in seinem Land Menschen mit anderen Ansichten um ihr Leben fürchten müssen? Menschen wie Nemzow, der die Intervention seiner Regierung in der Ukraine offen kritisierte.

Der Tag, an dem Boris Nemzow ermordert wurde, ist übrigens ein symbolträchtiger: Am 27. Februar 2014 übernahmen russische Soldaten ohne Hoheitszeichen die Kontrolle auf der Krim, er soll in Russland zukünftig ein Feiertag sein: der Tag der Spezialeinheiten. Die russische Opposition hingegen wird an diesem Tag nun jährlich daran erinnert werden, wie gefährlich es ist, die Ukraine-Politik Wladimir Putins zu kritisieren oder sonst anderer Meinung zu sein als der Kreml. Ihr sollte die Solidarität des Westens gelten. Und nicht dem, was Putin in 15 Jahren Herrschaft aus Russland gemacht hat.