Ermittlungen Puzzle der Gewalt

Kriegsverletzungen, Materialien zum Bombenbau, ein Bekennervideo - noch ist völlig offen, wer der Attentäter wirklich war.

Von Katja Auer und Uwe Ritzer

Norbert Imschloß hat ihn kommen sehen. Nicht wirklich bewusst, nur flüchtig aus den Augenwinkeln, wie Wirte mögliche Gäste wahrnehmen. Der junge Mann lief allerdings am Sonntagabend gegen 21.45 Uhr an "Eugens Weinstube" vorbei, einem gemütlichen Lokal mitten in der Altstadt von Ansbach mit ein paar Tischen und Stühlen vor der Tür. "Er war ziemlich unauffällig", erinnert sich Imschloß, der Wirt. Der Typ mit dem Rucksack ging in Richtung Reitbahn am Schloss, zu einem großen Platz im Herzen von Ansbach, wo gerade der Deutschrocker Gregor Meyle vor mehr als 2000 Menschen ein Open-Air-Konzert gab. Etwa eine halbe Stunde später kam der junge Mann aber wieder zurück, und Imschloß hörte auf einmal "einen unglaublichen Riesenknall". Augenblicklich stürmten blutende Gäste schreiend vor Angst und Entsetzen in sein Lokal.

Der junge Mann, der 27-jährige Mohammad D. aus Syrien, hatte unmittelbar am kleinen Biergarten der Wirtschaft eine Bombe gezündet, die er in seinem Rucksack versteckt hatte. Sie war mit Metallsplittern gefüllt, und im Rucksack befanden sich auch noch Kieselsteine, was die Wirkung des Sprengsatzes hätte verstärken können, sagten die Ermittler am Montag. 15 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Mohammad D. kam ums Leben; die Explosion zerriss ihm Hauptschlagader, Leber und Lunge.

Es ist der erste islamistische Selbstmordanschlag auf deutschem Boden. Daran besteht für die Ermittler kein Zweifel mehr, nachdem sie bei der Durchsuchung von Mohammad D.s Zimmer in einer Ansbacher Asylbewerberunterkunft auf einem von mehreren Handys ein Video fanden. In dem Film kündigt der Syrer in arabischer Sprache "im Namen Allahs" Racheakte gegen Deutsche an, die sich dem Islam in den Weg stellen. Die Fahnder stoßen auch auf islamistische Inhalte auf seinen sechs Facebook-Accounts.

Mohammad D. klagte gegen die Ablehnung als Asylbewerber - und verlor

Wie ein Puzzle setzt sich am Montag nach und nach die Geschichte des Attentäters zusammen. Mohammad D. wurde offenkundig in Aleppo geboren. Als die Rechtsmediziner seinen Leichnam obduzieren, finden sie Spuren alter Kriegsverletzungen. Womöglich lernte er im Krieg auch, wie man Bomben baut. In Ansbach lebte der Syrer seit zwei Jahren. Am 3. Juli 2014 reiste er nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann nach Deutschland ein. Er kam, wie sich später herausstellte, aus Bulgarien, wo er bereits 2013 Asyl erhalten hatte. Auch in Österreich hat er nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière einen entsprechenden Antrag gestellt. Am 21. August 2014 verlangte er in Deutschland politisches Asyl, was die Behörden mit Verweis auf seinen in Bulgarien anerkannten Flüchtlingsstatus am 2. Dezember 2014 ablehnten. Dagegen klagte D. vor dem Ansbacher Verwaltungsgericht - und verlor. Seine Abschiebung nach Bulgarien stand nun an, wurde im Februar 2015 jedoch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) ausgesetzt. Möglicherweise fiel in diese Zeit einer von zwei Suizidversuchen Mohammad D.s. Am 19. Februar 2015 erhielt er seine Duldung. Es ist normale Praxis, dass abgelehnte Asylbewerber nicht in Länder abgeschoben werden, in denen Bürgerkrieg herrscht. D. jedoch hätte nach Bulgarien abgeschoben werden müssen, gemäß dem Abkommen von Dublin. Es besagt, dass ein Flüchtling in dem EU-Mitgliedsland Asyl beantragen und bleiben muss, das er in Europa als erstes betritt.

Im Sozialamt galt Mohammad D. als "freundlich, unauffälig und nett"

Doch erst am 13. Juli 2016 fordert das Bamf Mohammad D. zur Ausreise auf, ansonsten drohe ihm die Abschiebung nach Bulgarien. Bayerische Behörden seien an diesem Fall zu keiner Zeit beteiligt gewesen, sagte Innenminister Herrmann. Er widersprach damit einem Sprecher des Bundesinnenministeriums, der die Abschiebung als Ländersache bezeichnet hatte.

Fest steht, dass sich Mohammad D. während seiner Zeit in Ansbach in psychiatrischer Behandlung befand. Zeitweise war er Patient im Ansbacher Bezirkskrankenhaus. Bis zuletzt stand er unter Betreuung. Obendrein war der Syrer mehrmals polizeilich aufgefallen. In den Akten finden sich dem Vernehmen nach Drogendelikte und Nötigung. In Ansbach lebte Mohammad D. in einem zur Asylbewerberunterkunft umfunktionierten früheren Hotel.

Zweimal war er vorher schon in der Stadt umgezogen, zuletzt in das Haus auf einem Hügel über der Stadt, anderthalb Kilometer vom Tatort im Zentrum entfernt. Studenten wohnten vor den Asylbewerbern darin, dann habe der Eigentümer an die Stadt vermietet, sagt ein Nachbar. Begeistert klingt das nicht. Ein Mitbewohner erzählt von einem unauffälligen Mann, den er nur ab und zu in der Küche getroffen habe. Allerdings habe Mohammad D. frustriert gewirkt, weil er keinen Job gefunden und weil seine Abschiebung gedroht habe. Reinhold Eschenbacher vom Ansbacher Sozialamt sagt, Mohammad D. sei bei Besuchen in der Behörde "freundlich, unauffällig und nett" aufgetreten.

Unter Polizeischutz: Die Innenstadt von Ansbach war nach dem Anschlag für Stunden abgeriegelt.Ermittlungen

(Foto: dpa)

Als die Ermittler noch in der Nacht sein Zimmer durchsuchen, finden sie einen Zehn-Liter-Benzinkanister, Salzsäure, Nitroverdünner, Alkoholreiniger und Glühlämpchen, die als Zünder funktionieren könnten. Außerdem Gewaltvideos mit salafistischem Inhalt. Die Utensilien hätten ausgereicht, um noch mehr Bomben zu bauen, sagen die Ermittler.

Die großen Fragen nun sind: Handelte der Attentäter bei seinem Anschlag aus eigenem Antrieb, oder wurde er gesteuert? Wenn ja, von wem? Am Montagnachmittag behauptet die Terrormiliz IS, Mohammad D. sei einer ihrer "Soldaten" gewesen.

Zwar geht Innenminister Herrmann von einem islamistischen Anschlag aus, aber auch er sagt, eine direkte Verbindung des Mannes zu terroristischen Netzwerken habe man noch nicht gefunden. Zeugen berichten, kurz bevor der Syrer die Bombe gezündet habe, sei er nervös auf und ab gegangen und habe dabei pausenlos telefoniert. Eventuelle Kontaktpersonen würden noch überprüft, sagt der mittelfränkische Polizeivizepräsident Roman Fertinger. Noch in der Nacht wird kurzzeitig ein Dolmetscher festgenommen, der wohl mit dem Mann näher bekannt war. Vor ein paar Wochen soll der Attentäter mit ihm zur Polizei gegangen sein, um einen anderen Araber anzuzeigen. Er bezichtigte ihn, der Hisbollah anzugehören. Das habe sich nicht bestätigt, sagt Fertinger. Der Dolmetscher ist wieder auf freiem Fuß. Offenbar plante der 27-Jährige auf dem Festival ein Massaker. Ausgerechnet in Ansbach, einem friedlichen Beamtenstädtchen mit 40 000 Einwohnern. Mohammad D. kam jedoch nicht auf das Gelände, das nach dem Amoklauf in München am Freitagabend zusätzlich gesichert worden war. Er soll eine Weile vor einem Tor "herumgeschlichen" sein, sagt der Polizeivizepräsident. Es ist nicht ganz klar, ob er überhaupt versuchte, auf das Gelände zu gelangen, das wäre ihm wohl auch nicht geglückt. Da er keine Eintrittskarte hatte, kam er gar nicht erst zur Taschenkontrolle, der sich alle Besucher unterziehen mussten. Spätestens dort hätten ihn die Sicherheitsleute aufgehalten, sagt Ansbachs Oberbürgermeisterin Carda Seidel. Also kehrte der 27-Jährige um und lief knapp 50 Meter zurück. Zur Weinstube.