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Ermittlungen II:Zehn Sekunden Zeit

Wusste er da schon alles? General Hadschisadeh am Donnerstag, nach dem Abschuss also, bei einer Trauerfeier.

(Foto: AP)

Wie der zuständige General der Revolutionsgarden öffentlich den Abschuss des ukrainischen Flugzeugs beschreibt.

Die Last der Verantwortung steht Brigadegeneral Amir-Ali Hadschisadeh ins Gesicht geschrieben, als er am Samstag in Teheran vor die Kameras tritt. Der Offizier ist der Kommandeur der Luftwaffe der Revolutionsgarden - jener Einheit, die zunächst Raketen auf US-Ziele im Irak gefeuert hatte, der aber auch die iranische Luftabwehr untersteht, die Stunden später einen Fehler beging, der 176 Zivilisten das Leben kostete. Hadschisadeh war noch im Westen des Landes, wie er sagt, wo er die Attacke auf die Amerikaner im benachbarten Irak befehligte, als ihn Mittwochmorgen die Botschaft aus Teheran erreichte.

"Ich wäre lieber gestorben, als das erleben zu müssen", sagt er am Samstag - wohl auch, weil seine Leute die Katastrophe hatten kommen sehen. Die Luftabwehrtruppen hatten die Sperrung des Luftraums für zivile Flüge beantragt, wie Hadschisadeh sagt; dies wurde abgelehnt. Warum, sagt er nicht; auch nicht, wer die Entscheidung traf. Nur dass die Militärführung verantwortlich war, nicht die zivile Luftverkehrsaufsicht. Er aber glaube, unter den Bedingungen eines drohenden Krieges "hätten die zuständigen Autoritäten das tun müssen".

Der Offizier ist der erste, der eine öffentliche Erklärung der iranischen Seite abgibt, wie es zum Abschuss der Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines kommen konnte, die vergangenen Mittwoch mit 57 Minuten Verspätung um 6.12 Uhr vom Imam-Chomeini-Flughafen westlich von Teheran mit dem Ziel Kiew-Borispol abgehoben war - und nur wenige Minuten später abstürzte. Irans Militärführung dagegen hatte er über den Vorfall bereits am Mittwochmorgen informiert.

Von Dienstagabend an, sagte Hadschisadeh, habe sich die gesamte iranische Luftabwehr in höchster Alarmstufe befunden, wie sie nur in Kriegszeiten ausgerufen werde. In Erwartung eines US-Vergeltungsschlags und eines Krieges seien zudem zusätzliche Luftabwehreinheiten stationiert worden - so auch jene, die später für den Abschuss verantwortlich war. Sie war demnach am Dienstag bei Bidganeh in Stellung gebracht worden, 30 Kilometer südwestlich des Chomeini-Flughafens. Mehrmals habe Irans Luftabwehrsystem anfliegende US-Marschflugkörper gemeldet - genau jene Waffe, mit der die Amerikaner normalerweise massive Militärschläge beginnen und zuerst die feindliche Luftabwehr auszuschalten versuchen. Die Mannschaft des Luftabwehrsystems habe in dieser angespannten Situation die startende Zivilmaschine mit einem Marschflugkörper verwechselt, sagte Hadschisadeh weiter.

Der Kommandeur der Batterie hätte nun seinen Vorgesetzten kontaktieren und eine Genehmigung für einen Abschuss einholen müssen - doch seine Kommunikation funktionierte laut Hadschisadeh nicht, sei es, weil das Funknetz wegen der Situation überlastet oder durch Störmaßnahmen beeinträchtigt war. "Aus diesem Grund hat er es versäumt, seinen Kommandeur zu kontaktieren. Es bleiben ihm zehn Sekunden, um zu entscheiden. Er kann das Ziel bekämpfen oder nicht. Unter diesen Umständen trifft er diese falsche Entscheidung. Er schaltet auf, die Rakete wird abgefeuert, und das Flugzeug wird getroffen."

Die Mannschaft an der Batterie, offenbar einem russischen Luftabwehrsystem, musste damit rechnen, selber Ziel eines Angriffs zu werden - und falls sie diesen geschehen lässt und überleben sollte, vor einem Militärgericht zu landen. Das Abwehrsystem ist auf die Bekämpfung von Marschflugkörpern ausgelegt, hat aber eine relativ geringe Reichweite. Das verkürzt die Entscheidungszeiträume extrem, auch wenn die im Steigflug begriffene Maschine wesentlich langsamer unterwegs war als ein anfliegender Marschflugkörper, und auch ein wesentlich größeres Radarecho geworfen haben muss. Hadschisadeh sagt weiter, der Boeing-Pilot habe alles richtig gemacht, er sei auch nicht von dem vorgesehenen Flugpfad abgewichen. Auch die zivilen Luftfahrtbehörden treffe keine Schuld. "Alle haben alles richtig gemacht, nur unsere Kräfte haben einen Fehler gemacht", sagte er. Die zivilen Behörden, die anschließend "nach bestem Wissen einen Raketenbeschuss kategorisch ausgeschlossen" hatten, nimmt er ausdrücklich in Schutz: Sie hätten von dem Vorfall nichts gewusst, bis der Generalstab am Freitag seine Untersuchung abgeschlossen habe.