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Ermittlungen gegen Hamburger KZ-Aufseherin:Das dunkle Geheimnis der Hilde M.

Bergen Belsen Prozeß, 1945

Die weiblichen Angeklagten im Lüneburger Prozess um die Gräueltaten im Konzentrationslager Bergen-Belsen im Jahr 1945. Das von den Briten durchgeführte Verfahren gegen insgesamt 44 Angeklagte endete im November 1945 mit elf Todesurteilen, 19 Freiheitsstrafen und 14 Freisprüchen.

(Foto: DPA)
  • Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen die ehemalige KZ-Aufseherin Hilde M. Die SS-Frau war 1945 zu einem Jahr Haft verurteilt worden, weil sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen Häftlinge misshandelt hatte.
  • Die 93-Jährige soll in einem Dokumentarfilm erzählt haben, dass sie in Schlesien einen "Todesmarsch" begleitet hat, bei dem Hunderte jüdische Frauen ums Leben kamen und ermordet wurden.
  • In Lüneburg steht bald ein ehemaliger SS-Mann vor Gericht, der im KZ Auschwitz Beihilfe zur Ermordung von Hunderttausenden geleistet haben soll.

Von Oliver Das Gupta

Einen Tag nach ihrem 93. Geburtstag konnte Hilde M. ihre Geschichte in der Zeitung lesen. Ein Reporter der Welt am Sonntag hatte Wind von einem Ermittlungsverfahren (AZ: 7305 Js 1/15.) bekommen, das die Hamburger Justiz gegen die alte Frau eröffnet hatte und stand vor ihrer Haustüre.

Das Hamburger Sonderdezernat für nationalsozialistische Gewaltverbrechen ermittelt in der Tat gegen die alte Frau, wie die Staatsanwaltschaft der Freien und Hansestadt der SZ bestätigte. Hilde M. reagierte der WamS zufolge auf Reporter-Fragen nach ihrer Vergangenheit so, wie es NS-Täter gerne taten und tun: sich unwissend stellen, Fakten herunterspielen, sich selbst als Opfer stilisieren. "Ich habe nichts gemacht, ich war nur in der Küche", sagte sie dem Journalisten.

In der Lager-Küche war Hilde M. tatsächlich, wie Dora Almaleh bestätigt hatte. Am 13. Juni 1945 hat die jüdische Griechin aus Soloniki eine Zeugenaussage gemacht über das, was sie als Häftling erlebt hatte im KZ Bergen-Belsen, ein Lager im heutigen Niedersachsen, in dem mehr als 50.000 Menschen umkamen. Almaleh erzählte, wie brutal Hilde war, die damals noch ihren Mädchennamen L. trug.

Stockhiebe und Stiefeltritte

Im April 1945, wenige Tage vor der Befreiung durch alliierte Truppen, soll die SS-Aufseherin auf zwei männliche Gefangene losgegangen sein. Der Grund: Die Zeugin hatte den ausgemergelten Häftlingen erlaubt, Steckrüben zu nehmen.

Hilde soll die geschwächten Männer mit einem Stock traktiert haben. Als sie am Boden lagen, habe sie mit ihren Stiefeln auf die hilflosen Gefangenen getreten. Gegen ihre Brustkörbe in Herznähe, wie die Zeugin aussagte. Als die Jüdin zu weinen begann, soll sie ihr mit dem Tod gedroht haben. Die Männer seien reglos liegen geblieben. "Ich war der Meinung, dass sie tot waren", sagte Dora Almaleh dem Protokoll zufolge.

Für ihre Zeit in dem KZ musste die SS-Frau ein Jahr ins Gefängnis - ein mildes Urteil. Andere Angeklagte des Bergen-Belsen-Prozesses endeten am Galgen.

Seither lebte die NS-Verbrecherin unbehelligt ihr Leben, heiratete, wurde Mutter. Vor einigen Jahren vertraute die gläubige Katholikin ihre Vergangenheit einer irischen Nachbarin an. Der irische Filmemacher Gerry Gregg erfuhr von der Geschichte. Er fuhr mit einem Holocaust-Überlebenden zu der alten Frau. Es entstand der Dokumentarfilm "Close to Evil".

Hilde M. erzählte - allerdings nicht nur von Bergen-Belsen. Sondern von einem weiteren "dunklen Geheimnis", wie Gregg es formulierte. Sie war nach eigener Aussage bei einem sogenannten Todesmarsch dabei. Als die Rote Armee die deutschen Truppen immer weiter zurückdrängte, räumte die SS Anfang 1945 das Lager Groß-Rosen, ein KZ nahe der schlesischen Hauptstadt Breslau.

Anzeige vom Sohn eines NS-Verbrechers

Tagelang mussten die Häftlinge durch die beißende Kälte laufen. Von etwa 2000 weiblichen Häftlingen - es handelte sich wohl um Jüdinnen aus der Sowjetunion - sollen nur etwa 600 überlebt haben. Die meisten Frauen erfroren, starben vor Erschöpfung oder wurden von der SS ermordet.

Die Greisin hat sich in dem Film selbst belastet für ein Verbrechen, für das sie 1945 nicht bestraft worden ist. Deshalb ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft, was Hilde M. völlig überrascht hat: "Wir wussten nichts davon", sagt ihre Tochter zur SZ.

Bis in der Causa greifbare Ergebnisse vorliegen, dürfte noch einiges Wasser die Elbe herunterfließen. "Monate dürfte das sicherlich dauern", sagt Oberstaatsanwalt Carsten Rinio. Die Anzeige gegen M. hat der Lüneburger Hans-Jürgen Brennecke erstattet. Sein Vater war ein NS-Verbrecher (hier mehr dazu).

Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen

In Lüneburg läuft derzeit auch ein Verfahren gegen ein anderes früheres Mitglied der SS. 70 Jahre nach Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz steht ein früherer Freiwilliger der Waffen-SS vor dem Landgericht. Das Verfahren wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen wird am 21. April beginnen. Bis Ende Juli sind 26 weitere Verhandlungstage angesetzt.

Dem 93-Jährigen wirft die Staatsanwaltschaft Hannover vor, 1944 im KZ Auschwitz zurückgelassenes Gepäck angekommener Häftlinge weggeschafft zu haben. Ihm sei bewusst gewesen, dass die als nicht arbeitsfähig eingestuften, überwiegend jüdischen Häftlinge nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden. Durch seine Arbeit soll er das systematische Morden unterstützt haben.

Der Angeklagte soll zwischen Mai und Juli 1944 während der "Ungarn-Aktion" in Auschwitz an der Bahnrampe im Lagerabschnitt Birkenau beschäftigt gewesen sein. Zwischen dem 16. Mai und dem 11. Juli 1944 trafen dort 137 Eisenbahntransporte mit mehr als 420 000 deportierten Menschen aus Ungarn ein. Allein in Auschwitz-Birkenau wurden mindestens eine Million meist jüdischer Häftlinge ermordet.

Dem Verfahren gegen den hochbetagten Mann haben sich nach Angaben des Gerichts mittlerweile 55 Nebenkläger angeschlossen. Überlebende des Holocaust hatten bereits angekündigt, den Horror des Vernichtungslagers in dem Verfahren schildern zu wollen. Kritiker bemängelten, dass solch ein Prozess Jahrzehnte zu spät kommt.

Mit Material von dpa.

© SZ.de/sks

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