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Eritrea:Raketen auf Asmara

Der bisher regional begrenzte Krieg im Norden Äthiopiens gerät außer Kontrolle. Der Konflikt könnte das ganze Horn von Afrika destabilisieren.

Von Bernd Dörries

München - Die Raketen kamen in der Nacht, drei Explosionen soll es in Asmara gegeben haben der Hauptstadt Eritreas, wenig später lag die Stadt im Dunkeln, fiel der Strom aus. Zwei Raketen sollen in der Nähe des Flughafens gelandet sein, aber nur geringen Schaden angerichtet haben, berichten Diplomaten. Der Raketenangriff in der Nacht zum Sonntag zeigt aber, wie schnell der bisher regional begrenzte Krieg im Norden Äthiopiens außer Kontrolle geraten und das ganze Horn von Afrika destabilisieren könnte.

"Wir haben viele Raketen, wir können sie überall selektiv benutzen", sagte der Präsident der Region Tigray, Debretsion Gebremichael, am Sonntag. "Unser Land greift uns mit Eritrea an, einem fremden Land, das ist Verrat." Der Konflikt war vor knapp zwei Wochen militärisch eskaliert, als Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed den Führern der Region Tigray vorwarf, Stützpunkte der Bundesarmee überfallen und Waffen erbeutet zu haben. Die äthiopische Armee griff daraufhin die Milizen der Region Tigray an und ließ einige Führer der Region verhaften.

Die Eskalation hatte sich bereits in den Monaten davor angekündigt, Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat, der Jahrzehnte von der Volksgruppe der Tigray beherrscht wurde, die nur etwa sechs Prozent der 110 Millionen Einwohner stellen. Nach jahrelangen teils gewalttätigen Protesten vor allem junger Äthiopier kam 2018 mit Abiy Ahmed zum ersten Mal ein Vertreter der größten Bevölkerungsgruppe der Oromo an die Macht. Seitdem fühlen sich die Tigray benachteiligt, verloren viele ihre führenden Positionen in Politik und Wirtschaft. Während Abiy seit zwei Jahren auf eine Einheit Äthiopiens und einen starken Zentralstaat pocht, bestehen viele Regionen wie Tigray auf ihrer in der Verfassung festgeschriebenen Eigenverantwortung, die auch das Recht auf Abspaltung beinhaltet. Auch deshalb will Abiy den Tigray-Konflikt mit aller Härte lösen, er soll kein Präzedenzfall werden für andere Volksgruppen, die sich vom Riesenreich Äthiopien lösen wollen.

Im September wählte Tigray eine neue Regionalregierung, Abiy erkannte den Urnengang nicht an, den die Zentralregierung wegen Corona verboten hatte. Der Ministerpräsident fror Finanzhilfen an Tigray ein, die dortige Führung soll dann schließlich mit den Angriffen auf die äthiopische Bundesarmee reagiert haben. Abiy hatte ursprünglich eine zeitlich begrenzte und präzise Militäraktion angekündigt. Die Eskalation vom Wochenende zeigt, dass dieser Plan gescheitert ist. Die Führung von Tigray machte ihm deutlich, dass sie zu allem bereit ist. Neben den Raketen auf Asmara griff sie auch Flughäfen in der Nachbarregion Amhara an.

Die Raketen auf Eritrea sind für den dortigen Diktator Isaias Afewerki eine wohl nur schwer zu verkraftende Provokation. Er hatte mit dem jungen Abiy zwar 2018 Frieden geschlossen, den Kriegszustand zwischen den beiden Ländern offiziell beendet. In Tigray und Eritrea sind heute aber immer noch jene politischen Führer an der Macht, die sich im sinnlosen Krieg zwischen 1998 und 2000 gegenüberstanden, der Hunderttausende das Leben kostete. Er droht nun wieder aufzuflammen. Und die ganze Region mit sich zu reißen.

Die Führer der Tigray werfen Eritrea vor, bereits mit Bodentruppen nach Äthiopien eingedrungen zu sein, auch Drohnen von einem Stützpunkt der Vereinigten Arabischen Emirate in Eritrea sollen zum Einsatz gekommen sein, Behauptungen, die sich nicht überprüfen lassen. Zehntausende Flüchtlinge sind in den Sudan geflohen, kommen dort in Lagern unter, die in den 1980er-Jahren während der großen Hungersnot errichtet worden waren. In den Jahrzehnten danach war aus dem Krisenland Äthiopien eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt geworden, um etwa zehn Prozent stieg das Bruttosozialprodukt jedes Jahr. Überall im Land entstanden Gewerbeparks, Eisenbahnstrecken und neue Kraftwerke. Diese Erfolge sind durch die zunehmenden Konflikte gefährdet. Während die Regierung in der Region Tigray am Sonntag eine internationale Schlichtung des Konfliktes forderte, machte Abiy deutlich, dass er den Militäreinsatz vorerst nicht beenden werde. Er warf der "Junta" im Norden vor, Massaker an der Zivilbevölkerung begangen zu haben, und kündigte die "Wiederherstellung von Recht und Ordnung" an. "Die Gerechtigkeit wird siegen. Äthiopien wird siegen", sagte er am Sonntag.

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