Erinnerungskultur in Hamburg Zwischen Andacht und Einsicht

"Operation Gomorrha": Der Hamburger Stadtteil Eilbek bot nach den Luftangriffen von Briten und Amerikanern Ende Juli 1943 ein Bild der völligen Verwüstung.

(Foto: dpa)
  • Hamburg streitet um die richtige Art, an die schweren Bombenangriffe von vor 75 Jahren zu erinnern.
  • Dabei geht es auch um einen alten Bunker, der unter anderem zu einem Hotel umgebaut werden soll.
  • Bei der "Operation Gomorrha" der amerikanischen und britischen Luftwaffe starben 34 000 Menschen.
Von Thomas Hahn, Hamburg

Die Debatte um das Kriegsgedenken hört wahrscheinlich nie auf, und an St. Paulis altem Flakbunker kann man sehen, welche Wendungen sie in einer modernen Metropole wie Hamburg nehmen kann. Seit einigen Jahren möchte der Erbpächter des Betonkolosses am Heiligengeistfeld dort einen öffentlichen Dachgarten anlegen, den er mit den Einnahmen aus einem kommerziell genutzten Aufbau finanziert.

Nachbarn und Stadtentwickler empört das Projekt, aber auch Denkmalschützer sehen es kritisch. Der Bunker ist ein Mahnmal der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg, unter anderem der verheerenden "Operation Gomorrha" der amerikanischen und britischen Luftwaffe von 1943. Und die Wächter der Erinnerung fragen sich, ob die Botschaft des riesigen grauen Klotzes noch wirkt, wenn er unter anderem ein Hotel, eine Turnhalle und einen grünen Schopf aufgesetzt bekommt.

Der Turm der zerstörten Nikolai-Kirche wirkt wie ein mahnender Zeigefinger

Mahnungen zum 20. Juli

Bundesaußenminister Heiko Maas hat die Bevölkerung zu Zivilcourage im Umgang mit Rechtspopulisten aufgefordert. Bei der Gedenkfeier zum Tag des Hitler-Attentats am 20. Juli 1944 sagte er am Freitag in Berlin, dazu gehöre es, sich einzumischen, wenn "Diskussionen im Familien- und Freundeskreis in dumpfe Ressentiments abgleiten". Erinnern sei Auftrag. Es sei beschämend, wenn sich diejenigen auf ihr "Recht auf Widerstand" beriefen, die Volksvertreter als "Volksverräter" schmähten, Erinnerung als "Schuldkult" abtäten und freie Medien als "Lügenpresse" diffamierten. Unerträglich sei auch, dass die Fahne der Widerständler von 1944 auf Kundgebungen von Neonazis missbraucht werde, sagte der SPD-Politiker. "Deshalb darf es kein feines Schweigen geben, wenn Wutbürger und Ewiggestrige solche Symbole des Widerstands perfide umdeuten." Die Widerständler von 1944 hätten sich für ein einiges Europa eingesetzt, sagte Maas weiter. Das friedliche geeinte Europa habe darin seine Wurzeln. Am 20. Juli jährt sich der Attentatsversuch auf Adolf Hitler. Die Widerständler um Claus Graf Schenk von Stauffenberg wurden noch gleichen Tag in Berlin hingerichtet. Reuters

Solche Einwände sind wichtig, damit die Wirtschaftswelt der Gegenwart nicht willkürlich über die Zeugnisse der Vergangenheit hinwegwuchert. Gerade in diesen Zeiten, in denen Populisten die Weltordnung infrage stellen oder das Schicksal von Geflüchteten klein spielen, braucht es die Erinnerung an die Schrecken des Krieges. Deshalb ist das auch nicht irgendeine beliebige Gedenkfeier, die am Sonntag am Hamburger Mahnmal St. Nikolai mit Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), Bischöfin Kirsten Fehrs und Erzbischof Stefan Heße stattfindet.

75 Jahre nach besagter "Operation Gomorrha" lebt der Horror jenes Angriffes auf, bei dem 34 000 Menschen starben und der Hamburg für immer veränderte. Und natürlich wird es dabei auch wieder darum gehen, den richtigen Ton zwischen Andacht und Einsicht zu finden, damit die Anteilnahme keinem falschen Geschichtsbild Raum gibt.

"Zahlreiche Menschen ringen um den richtigen Weg in der Erinnerungskultur oder erklären den Bombenkrieg gar zum ,Tabuthema'", heißt es in der Dauerausstellung im Kellergewölbe der damals zerbombten Kirche St. Nikolai. In ihr kann man erleben, wie Erinnerung nicht zu einem schalen Wehklagen wird, sondern den Lehren der Geschichte Raum gibt.

Die Ausstellung dreht sich nicht nur um das Leid, das die Bomben über Hamburg brachten. Sie zeigt die bedingungslosen Luftattacken der Alliierten im Kriegsverlauf vom deutschen Angriff auf Polen 1939 bis zu den deutschen Luftangriffen auf Warschau, Rotterdam und Coventry. Auch die "Operation Gomorrha", die Hamburg vom 24. Juli bis 3. August 1943 mit bis dahin ungekannter Wucht traf, war eine Antwort auf Adolf Hitlers Aggressionen. Die Opfer des Feuersturms waren letztlich Opfer des Nationalsozialismus.

Die erbarmungslose Gewalt des Krieges

Der Blick auf die Folgen der "Operation Gomorrha" zeigt die erbarmungslose Gewalt jenes Krieges, den Nazi-Deutschland angefangen hatte. Ein heißer Wind fachte die Bomben-Feuer an, Menschen erstickten in Luftschutzkellern oder verbrannten in den Trümmern. "Nicht nur die Häuser brannten, auch die Straßen brannten alle, denn zwischen dem Kopfsteinpflaster war damals Teer gegossen worden und zusammen mit den abgeworfenen Phosphorbomben brannte alles lichterloh", schildert ein Zeitzeuge im Hamburger Abendblatt das Inferno.

Viele Überlebende verloren ihr Zuhause, wurden mittellos, taumelten traumatisiert durch die Trümmerlandschaft. Weil sich Luftschutzpolizei und ausländische Zwangsarbeiter den Aufräumarbeiten verweigerten, mussten Häftlinge aus dem KZ Neuengamme sie übernehmen.

Die Stadt trägt das Vermächtnis, so gut sie kann, in die Gegenwart. Sie pflegt Mahnmale, Gedenktafeln, Jahrestage. Medien sammeln Berichte von Zeugen oder deren Kindern. Der Turm der zerstörten Nikolai-Kirche ragt wie ein mahnender Zeigefinger aus dem Häusermeer. Aber die Kultur der Erinnerung fügt sich hier auch ein in den Zeitgeist. Der Dachgarten auf St. Paulis Bunker mag umstritten sein. Aber seit Jahren leuchtet dort an Wochenenden das Buntlicht eines Nachtclubs.

"Mein Großvater war kein Rechtsradikaler"

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