Erinnerungskultur "Braune Flecken auf dem weißen Hemd"

Ein AfD-Abgeordneter besucht die KZ-Gedenkstätte Buchen­wald. Direktor Volker Knigge erzählt, warum das Treffen von Anfang an zum Scheitern verur­teilt war.

Interview von Tobias Dirr

Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald, hat am Mittwoch mit dem AfD-Politiker Stephan Brandner diskutiert und ihn zu den geschichtsrevisionistischen und antidemokratischen Positionen in dessen Partei befragt. Mit geringem Erfolg.

SZ: Herr Knigge, wie war der Besuch?

Volkhard Knigge: So wie man es befürchten musste. Wir hatten Herrn Brandner vorab ja sehr klare Fragen geschickt. Fragen, wie er zu Positionen steht, die offen geschichtsrevisionistisch sind. Etwa zu Gaulands "Vogelschiss"-Aussage oder zu Björn Höckes Absicht einer Umwertung der ganzen Erinnerungskultur. Oder dazu, dass Brandner selbst zwei Mitarbeiter in der thüringischen Landtagsfraktion beschäftigt hat, die ins rechtsextreme Burschenschaftsfeld gehören. Kurz: Er hat jegliche Klärung dieser Fragen verweigert. Er hat bestritten, dass es in der AfD geschichtsrevisionistische Positionen gibt und hat sich hinter Höckes Positionen gestellt.

Wie hat er argumentiert?

Er hat die völkisch-rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Positionen in der Partei grundsätzlich bagatellisiert, indem er sagt, das seien ja nur einzelne Personen, die das vertreten, was geht mich das an - das ist ja allgemeine AfD-Strategie. Und da mussten wir ihm sagen: "Tut uns leid, Sie sitzen jetzt hier nicht als irgendein Herr Brandner aus Thüringen. Sie sitzen hier als gewählter Abgeordneter einer Partei, die Sie im Bundestag repräsentieren. Sie müssen eine Haltung dazu haben. Bevor wir das nicht klären, können wir kein inhaltlich-sachliches Gespräch über Gedenkstättenarbeit führen."

Stephan Brandner hat in einem Statement vor dem Besuch erklärt: "Gerade Buchenwald ist eine Mahnung an alle, dass jede Diktatur, sei sie politisch rot oder braun ideologisiert, Verbrechen und Verbrecher hervorbringt." Was halten Sie davon?

Das ist eine solch banale Aussage, wie die, als würde ein Arzt sagen, Krankheit sei schlecht. Das ist eine Aussage, die nicht nur relativiert, sondern die jede Auseinandersetzung stoppt. Man meint mit dieser Aussage alles gesagt zu haben und hat definitiv nichts gesagt. Es ist doch wichtig zu unterscheiden, was ist eine Mandelentzündung, was ist eine Blinddarmentzündung und was ist ein Gehirntumor. Sich um Genauigkeit und Tiefenschärfe zu bemühen, gilt auch für Historiker bei der Behandlung von Gesellschaftsverbrechen, Staatsverbrechen, Diktaturen. Da sagte er: Ja gut, das kann ja für einen Historiker so sein, ich bin aber Politiker. Ich muss das nicht.

Was bezweckt die Partei mit geschichtsrevisionistischen Auftritten?

Man sorgt dafür, dass man die braunen Flecken auf dem angeblich weißen Hemd der AfD nicht mehr sieht. Man trägt einerseits zur Normalisierung von antidemokratischen Positionen bei, ersetzt historisches Wissen durch abstruse Geschichtsbilder und wilde Meinungen, die dann angeblich auch keiner historisch unterlegten Forschung bedürfen. Und vernebelt andererseits, in welch übler und gefährlicher Tradition man steht.

Sie versuchen in Buchenwald das Gedenken an den Holocaust im Gedächtnis zu halten. Wird das schwieriger?

Wir merken eher das Gegenteil. Wir machen zwei Erfahrungen. Auf der einen Seite kommen immer mehr Besucher und man merkt: Der Blick auf das, was in den Gedenkstätten gezeigt und in Erinnerung gehalten wird, wird zunehmend weniger ein Blick in die Vergangenheit denn ein Blick in Gegenwart und Zukunft. Die vermeintlich ein für alle Mal "bewältigte" und abgeschlossene Vergangenheit ist wieder aktuell. Dass sie tatsächlich, und sei es nur annähernd, wieder zur Wirklichkeit wird, dagegen wollen sich Menschen engagieren und wehren. Das ist das Gute und muss politisch und gesellschaftlich unterstützt werden. Und wir haben zweitens den Eindruck, dass wir sehr viele Bekenntnisbesucher haben, die sagen: "Jetzt erst recht." Das war auch die Reaktion auf Höcke.

Spüren Sie dennoch den Gegenwind durch das Erstarken der AfD?

Aber natürlich. Teile der AfD und Gruppen, die ihr verbunden sind, gehen mittlerweile gezielt strategisch vor. Das stellen wir in allen Gedenkstätten fest. Mitglieder von Identitären, neurechten oder rechtsextremen Gruppen fühlen sich erst einmal durch die Politik der AfD ermuntert. Sie gehen gezielt in Führungen der Gedenkstätten und versuchen dann, die Besucher und diejenigen, die Führungen machen, zu verunsichern. Etwa, indem sie gerade an markanten Stellen wie im Krematorium oder an Erschießungserinnerungsorten plötzlich revisionistische Positionen vertreten oder mit irgendwelchen gefakten Zahlen kommen. Die sind nicht nur rhetorisch gut trainiert, sondern in der Regel wird dann auch versucht, heimlich Ton- oder Bildaufnahmen davon zu machen, die dann auch sofort ins Netz gestellt werden. Da gibt es ein ganz aggressives Auftreten.

Mit welchem Ziel?

Gedenkstätten sollen als Institutionen der Fälschung erscheinen, die dem Volk eine Geschichte andrehen, die es so nach ihrer Darstellung nie gegeben habe. Besucher sollen verwirrt, aber auch verletzt werden. Gerade ausländische Besucher sind dann extrem konsterniert. Da geht es nicht um Argumentation, sondern allein um Überrumpelung und Lächerlichmachen.