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Erfurter Schulmassaker:Zwei Stunden ums Leben gefleht

Dass bei dem Polizei- und Rettungseinsatz in Erfurt nicht mit höchster Professionalität vorgegangen wurde, dieser Verdacht kam schon bald nach der Bluttat mit 17 Toten auf. Doch nun hat ein Anwalt Anklage gegen die Verantwortlichen erhoben. Seine akribische Auflistung fügt dem Alptraum neue, schreckliche Facetten hinzu.

Von Ralf Husemann

Vor fast zwei Jahren, am 26. April 2002, hat der 19 Jahre alte Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium ein Blutbad angerichtet.

Das Portal des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums nach der Bluttat Ende April 2002.

(Foto: Foto: AP)

Er erschoss innerhalb weniger Minuten 16 Menschen: acht Lehrerinnen, vier Lehrer, eine Schülerin, einen Schüler, eine Sekretärin und einen Polizisten. Seitdem kommt Erfurt nicht mehr zur Ruhe.

Schon bald nach der Tat wurden Stimmen laut, die die Umstände des Rauswurfs Steinhäusers von der Schule kritisierten, aber auch den Polizeieinsatz, der als stümperhaft geschildert wurde.

Massiver und faktenreicher geht jetzt der Erfurter Anwalt Eric T. Langer mit den für den Polizeieinsatz Verantwortlichen ins Gericht. Der Jurist, dessen Lebensgefährtin, die Kunstlehrerin Birgit Dettke, ebenfalls ums Leben kam, stellte am Montag beim Thüringer Generalstaatsanwalt Strafanzeige wegen zahlreicher - von ihm mit der Ermittlungsakte und Zeugenaussagen untermauerten - Versäumnissen und Gesetzesverstößen.

Strafbar hätten sich der Erfurter Oberbürgermeister Manfred Ruge, das Thüringer Innenministerium sowie die polizeilichen Einsatzleiter gemacht.

Der schlimmste Vorwurf: Drei Lehrer und die beiden Schüler starben erst zwischen ein und zwei Stunden, nachdem sie von Steinhäuser lebensgefährlich verletzt worden waren.

Die Frage, ob sie tatsächlich zu retten gewesen wären, kann auch Langer nicht beantworten, für ihn ist aber unverständlich, dass nicht einmal der Versuch gemacht wurde. Auf Anweisung eines Staatsanwalts wurde als Sterbezeit in sämtlichen Totenscheinen der Zeitraum zwischen 10.58 Uhr und 11.30 Uhr eingetragen.

Fraglos hat Steinhäuser in dieser Zeit geschossen, aber der Tod trat zumindest in fünf Fällen erst sehr viel später ein.

Das schiere Chaos

Entgegen den Vorschriften des Thüringer Rettungsgesetzes und des Brand- und Katastrophenschutzgesetzes war weder von der dafür zuständigen Stadt Erfurt noch vom Innenministerium als Aufsichtsbehörde eine Einsatzzentrale am Ort des Geschehens gebildet worden.

Wegen der fehlenden Koordinierung herrschte nach der Schilderung Langers an jenem 26. April das schiere Chaos: "Jede Einsatzkraft wartete auf die nächste, sodass der gesamte Einsatz gelähmt war." Teilweise hätten die Beamten "in absoluter Regungslosigkeit" verharrt, wie die Polizisten Langer gegenüber bestätigten.

Die Scharfschützen des Sondereinsatzkommandos (SEK) seien so postiert worden, dass Schutzpolizisten in ihrer Schusslinie lagen "und sich vor Schreck hinter einer Litfaßsäule in Sicherheit brachten".

Zwei Stunden ohne Hilfe

Ein Beamter schickte die Notärztin Gabriele Wirsing ins Sekretariat, ohne zu wissen, dass sich dort bereits Tote befanden. Er versäumte es aber auch, die Mitteilung weiterzugeben, dass nun eine Ärztin in der Schule sei.

So kam es, dass ein Polizist, der dem angeschossenen Biologielehrer Hans Lippe eine Stunde lang Hilfe versprach, nichts von Frau Wirsing wusste, wie auch das SEK, das erst sehr viel später, um 12.30 Uhr, nach einem Notarzt rief - wobei diese Anforderung gar nicht weitergegeben wurde.

Die Lektüre der Langer-Philippika erfordert gute Nerven. Wenn er etwa schildert, wie der "im Hause schreiende und sogar am Fenster gesichtete Hans Lippe fast zwei Stunden ohne jede Hilfe blieb, obwohl die in seiner Nähe befindlichen Polizisten ihm immer wieder Mut zusprachen, es aber weder zustande brachten, eine Trage zu beschaffen, noch ein Ärzteteam heranzuführen".

Langers Lebensgefährtin Birgit Dettke lag fast eineinhalb Stunden, laut um Rettung flehend, auf dem Schulhof, nur wenige Meter von Polizisten entfernt. Vergebens riefen einige Schulkinder auch immer wieder um Hilfe für den Physiklehrer Peter Wolff, der nach Zeugenaussagen und entgegen dem Obduktionsbericht "noch mindestens eine Stunde gelebt" hat.

Von einer unterlassenen Hilfeleistung spricht Langer auch im Fall der Schüler Susann Hartung und Ronny Möckel, die Zeugen zufolge um ein Uhr starben, fast zwei Stunden nach den Schüssen Steinhäusers.

Zumindest instinktlos wurde nach Ansicht Langers mit anderen Schülern umgegangen. Sie wurden an den Leichen ihrer Lehrer vorbei in zwei Schulräume geführt, die sie bis zu vier Stunden nicht verlassen durften.

Und nachdem alles vorbei war, ließ man die meisten Angehörigen noch stundenlang im Ungewissen über die Identität der Toten. Die Tochter von Birgit Dettke sah ihre Mutter auf dem Hof liegen.

Doch weder sie noch der geschiedene Ehemann erhielten weitere Informationen. Beide brachen zusammen und mussten im Krankenhaus behandelt werden.

© SZ vom 3.3.2004
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