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Erdoğan bei der Präsidentschaftswahl:Kontrollsüchtiger Dirigent am Bosporus

Presidental election in Turkey

Recep Tayyip Erdoğan winkt seinen Anhängern in Istanbul zu. Er dürfte schon im ersten Wahlgang auf mehr als 50 Prozent der Stimmen kommen.

(Foto: dpa)

Er will ein Präsident sein, "der läuft und schwitzt". Recep Tayyip Erdoğan wird an diesem Sonntag voraussichtlich zum neuen türkischen Staatsoberhaupt gewählt. Das Amt erfordert Neutralität. Doch der bisherige Regierungschef dürfte das Land auch als Präsident nach seinem Willen lenken.

Eine Million Menschen machen sich auf den Heimweg. Alle auf einmal. Der Festplatz am Marmarameer ist übersät mit Wahlkampfmüll: Wasserflaschen, Fähnchen, Recep-Tayyip-Erdoğan-Plaketten. "Nicht drängen, nicht trampeln, denkt an die Frauen", schallt es aus den Lautsprechertürmen.

Immer wieder, fast verzweifelt klingt das, weil das Chaos an den Sicherheitsschleusen rund um das riesige Areal so groß ist. Da springt der Premier zurück auf die Bühne, schnappt sich noch mal das Mikrofon und dirigiert minutenlang gestikulierend das Volk persönlich zu den Türen. So als ginge nichts ohne ihn, weder auf dieser Istanbuler Wiese im sommerlichen Abenddunst noch in der Stadt oder im Staat.

Am Sonntag will Erdoğan, 60, der zwölfte Präsident der Türkischen Republik werden, und der erste, den das Volk selber wählt. Bislang hatte das Parlament in Ankara über den ersten Mann im Staat entschieden. Die Direktwahl hat Erdoğans islamisch-konservative AKP per Verfassungsänderung durchgesetzt. Zuvor hatten die politische Opposition und das Militär versucht, 2007 die Wahl des AKP-Mannes Abdullah Gül zum Präsidenten zu verhindern: erst mit einem Abstimmungsboykott, dann mit dem Verfassungsgericht und schließlich mit einer Erklärung des Generalstabs der Streitkräfte im Internet.

Recep Tayyip Erdoğan

Der mächtigste Mann der Türkei

Gül gehört wie Erdoğan zu den Gründern der AKP, die seit 2002 mit absoluter Mehrheit regiert. Gül hätte nun ein zweites Mal antreten können. Dies hat Erdoğans Ehrgeiz verhindert, und der stets loyale Gül hat sich ohne öffentlich erkennbares Murren aus der ersten Reihe schieben lassen. Ob Gül künftig noch eine politische Rolle spielen wird, darüber sind sich türkische Beobachter uneins. Zuletzt hatten sich Erdoğan und Gül nicht mehr recht verstanden. Gül twitterte noch, nachdem der Kurznachrichtendienst von Erdoğan bereits gesperrt worden war. Gül wünschte Änderungen am strikten neuen Internet-Gesetz und sträubte sich gegen Eingriffe in die Justiz. Seine Unterschrift unter umstrittene Gesetze aber verweigerte er nie.

Die türkischen Medien sehen das Land auf dem Weg zu einem Präsidialsystem

"Die Türkei wird nach dieser Wahl gar keinen Premier mehr haben", hat Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi, ein Erdoğan-Getreuer, schon verkündet. "Ein Chef des Ministerrats" genüge auch, schließlich werde sich Erdoğan weiterhin um alles kümmern. "Er hat die Bürgermeister kontrolliert. Er wird ein sehr aktiver Präsident sein", zitierte das Massenblatt Hürriyet den Minister, der die Türkei mit der Wahl Erdoğans auf dem Weg zu einem "Präsidialsystem" sieht.

Erdoğan selber hat auch schon betont, dass er weiter regieren und nicht nur repräsentieren wolle: "Die Türkei braucht einen Präsidenten, der läuft und schwitzt." Wie einst Atatürk, der 1923 die Republik schuf, sieht sich Erdoğan als Modernisierer und Reformer. Lieber noch aber vergleicht er sich mit Fatih Sultan Mehmed, der 1453 Konstantinopel eroberte und damit das Ende des Byzantinischen Reichs besiegelte. Der habe Schiffe über Land gezogen, "wir lassen Züge unter dem Bosporus durchfahren", sagte Erdoğan bei der Kundgebung.