Osman Kavala:Vier Jahre Haft - ohne Urteil

Osman Kavala: Äußert sich seit einiger Zeit nicht mehr öffentlich: der inhaftierte türkische Kulturförderer Osman Kavala.

Äußert sich seit einiger Zeit nicht mehr öffentlich: der inhaftierte türkische Kulturförderer Osman Kavala.

(Foto: HANDOUT/AFP)

An seinem Fall hat sich der diplomatische Eklat zwischen der Türkei und dem Westen entzündet: Der Kulturförderer Osman Kavala sitzt in einem türkischen Gefängnis. Für Erdoğan ist er ein Feind, für andere ein Hoffnungsträger.

Von Christiane Schlötzer

Als Osman Kavala jüngst wieder einmal vor Gericht erscheinen musste, am 8. Oktober, da winkte der Mann mit dem schmalen Gesicht, das in der Haft noch kantiger geworden ist, ins Publikum. Die meisten der vielen Zuschauer im größten Saal des Istanbuler Justizpalasts winkten zurück, auch wenn der Angeklagte nur auf einem winzigen Bildschirm neben dem Richtertisch zu sehen war.

Angeblich wegen der Pandemielage wird Kavala schon seit einer Weile nicht mehr zu den Verhandlungen aus Silivri, dem größten Gefängnis der Türkei, 70 Kilometer von Istanbul entfernt, ins Gericht gebracht. Er wird per Video zugeschaltet.

Der Kulturmäzen Kavala weiß, auch wenn er sie nicht sehen kann, dass viele seiner Freunde und Unterstützer anwesend sind, wenn ein Richter wieder einmal nachzuweisen versucht, dass er ein "Staatsfeind" ist. Seit vier Jahren ist der Türke nun ohne Urteil in Haft. Einmal hat ein Richter es - man kann sagen - gewagt, ihn in dieser Zeit "aus Mangel an Beweisen" freizusprechen. Aber dann wurde Kavala am selben Abend wieder festgenommen, mit einer neuen Anklage. Und der Richter wurde von Regierungstrolls in den sozialen Medien beschimpft.

Präsident Erdoğan nennt Kavala den "türkischen Soros"

Osman Kavala, 64 Jahre alt, war zunächst wie sein Vater Unternehmer, aber schon seit Jahren ist er hauptberuflich Förderer von Kunst und Kultur in der Türkei. Recep Tayyip Erdoğan hat ihn den "türkischen Soros", genannt. Es sollte abfällig klingen, weil Kavala wie der ungarisch-amerikanische Milliardär zudem Bürgerrechtsorganisationen fördert - wenn auch in wesentlich kleinerem Stil und nur in der Türkei, nicht weltweit.

Mit seiner 2002 gegründeten Stiftung Anadolu Kültür unterstützt er vor allem Künstler aus den marginalisierten Kulturen: der kurdischen, der armenischen, der griechischen. Viele standen bei ihm Schlange, um ein wenig Geld für eine Ausstellung, einen Film zu erhalten.

Auch europäische Kulturinstitutionen suchten immer wieder das Gespräch mit dem Mann, der bei jeder Vernissage und bei jeder Demo mit seinem grauen Lockenkopf leicht auszumachen war, weil er viele Menschen an Körpergröße überragt. Als er am 18. Oktober 2017 nach einem Inlandsflug aus der Maschine heraus in Istanbul festgenommen wurde, war er mit Mitarbeitern des Goethe-Instituts unterwegs.

Ein Gespinst aus Konspiration und Misstrauen

Ein wohlhabender Mann, der mit westlichen Kulturvermittlern kooperiert, gerät in dem Gespinst aus Konspiration und Misstrauen, das die Türkei seit einer Weile überzogen hat, schnell unter Generalverdacht. Für diejenigen aber, die das schlichte Spiel von Freund und Feind nicht mitmachen wollen, die immer noch für eine pluralistische Türkei eintreten, ist Kavala bis heute ein Hoffnungsträger. Sie sagen, er sitze gleichsam stellvertretend in Haft, zur Einschüchterung der Reste einer kleinteiligen, immer noch lebendigen Zivilgesellschaft in der Türkei.

Kavala hatte vor seiner Festnahme Drohungen erhalten, aber wollte das Land nicht verlassen, "wo er gebraucht werde, von seinen Freunden, von seiner Stiftung", wie er sagte. Über seine Anwälte ließ er im Januar 2020 der Süddeutschen Zeitung aus der Haft einen Text zukommen. Er schrieb darin über eine globale Atmosphäre des "Postfaktischen", und: Die Türkei sei nicht das einzige Land, in dem man damit leben müsse, dass Tatsachen nichts mehr gelten.

Inzwischen will sich Kavala nicht mehr äußern. Er werde auch nicht mehr an seinem Prozess teilnehmen, ließ er wissen. Denn eine faire Anhörung sei nach den jüngsten Äußerungen Erdoğans unmöglich. Der Präsident hatte den Botschaftern, die Kavalas Inhaftierung kritisierten, vorgehalten, sie würden in ihren Ländern auch keine Banditen, Mörder und Terroristen freilassen. Kavalas nächster Prozesstermin ist der 26. November.

"Von welcher Schuld sprechen sie?", fragt Kavalas Frau

Nach der letzten Verhandlung am 8. Oktober war seine Ehefrau, Ayşe Buğra, eine angesehene Wirtschaftsprofessorin, vor dem Justizpalast vor die Kameras getreten: "Ich fühle mich nicht so, als käme ich aus einer Gerichtsverhandlung", sagte sie. Davor hatte der Richter zum wiederholten Mal einen Antrag der Anwälte auf Haftentlassung Kavalas wegen der "Schwere der Schuld" abgewiesen. "Von welcher Schuld sprechen sie?", fragte Buğra, verzweifelt, wütend.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat schon 2019 die sofortige Freilassung Kavalas gefordert. Er fand keinen Beweis für den Vorwurf der Anklage, Kavala habe die regierungskritischen Gezi-Proteste 2013 finanziert. Inzwischen wird der Mäzen auch beschuldigt, den Putschversuch von 2016 unterstützt zu haben und ein Spion zu sein.

Zuletzt wurde sein Prozess zusammengelegt mit einem Verfahren gegen drei Dutzend Fußball-Ultras von Beşiktaş Istanbul, die auch Staatsfeinde sein sollen. Mehrere dieser Angeklagten sagten in der letzten Verhandlung, sie würden ihren prominenten Mitangeklagten gar nicht kennen. Fußball-Ultras gehörten bislang nicht zur Klientel von Kavala.

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