Erdoğan in Köln 3000 Polizisten, drei Flugzeuge und ein Präsident

3000 Polizisten sichern Erdoğans Besuch in Köln.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Die Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln-Ehrenfeld ist der Abschluss von Erdoğans Deutschlands-Besuch. Tausende seiner Anhänger sind gekommen, obwohl das geplante Fest abgesagt wurde. Die türkische Delegation wirft der Stadt mangelnde Unterstützung vor.

Von Jana Stegemann, Hakan Tanriverdi und Christian Wernicke, Köln

Alle fünf Minuten skandiert die Menge in der Venloer Straße von Neuem. Von der Ditib-Moschee ist von hier aus nur eines der Minarette zu sehen. Dafür sind vier Scharfschützen zu erkennen, die auf den Dächern ringsum postiert sind. Näher ran geht es nicht, ein Absperrgitter blockiert den Weg. Skandieren also, um sich die Zeit zu vertreiben. Mal wird der Name des türkischen Präsidenten gebrüllt: "Recep Tayyip Erdoğan", mal "Allahu akbar", "Allah ist groß". Hin und wieder wird auch das türkische Militär gepriesen oder gerufen, dass das türkische Volk sich nicht teilen lasse.

Die Menschen sind euphorisch, doch langsam wird ihnen klar: Sie werden nicht auf das Moscheegelände gelassen. "Ditib hat geschlafen, die hatten wochenlang Zeit", sagt einer, der gerne reingelassen würde, aber jetzt aufgibt und nach Hause geht. Manche machen es genauso wie er, aber genug Menschen kommen nach. Die Straße bleibt voll. "Wären doch nur jeden Tag so viele Menschen hier, dann wäre die Moschee wenigstens voll", sagt der Mann. .

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Eine schöne Eröffnungsfeier sollte es werden an diesem Samstag, mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan als Ehrengast, der vor 500 geladenen Gästen in der Moschee eine Rede hält. Und mit 25 000 Menschen, die vor der Moschee stehen und jubeln. So hatte es sich der Moscheen-Verband Ditib gewünscht.

Doch offenbar hat Ditib nur wenig unternommen, sich diesen Wunsch zu erfüllen. Man ließ sowohl die Politik als auch Teile der Öffentlichkeit bis zum Schluss im Unklaren darüber, wie die Veranstaltung konkret ablaufen würde. Auch wurde es anscheinend zweimal verpasst, ein "angemessenes Sicherheitskonzept" vorzulegen, wie die parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker in letzter Minute am Freitagabend mitteilte. Das Fest vor der Moschee wurde verboten, Polizeipräsident Uwe Jacob appellierte an die Türken in der Stadt, die Zeremonie am Fernseher zu verfolgen.

Und so standen am frühen Samstagmorgen deutlich weniger Menschen als erwartet in der Venloer Straße im Stadtteil Ehrenfeld, eine der wichtigsten Ausfallstraßen Kölns. Es sind einige Tausend statt der erwarteten 25 000. Es sind die, die darauf, hoffen, dass Erdoğan sich der Menge zeigt. Zu sehen sind viele Türkeiflaggen, auch von einer Häuserwand hängt eine große Flagge. Gegenüber, beinahe unsichtbar, ist ein weißes Stück Papier ins Fenster geklebt. "Erdoğan go Home" steht darauf. Fast alle übersehen es. Erst als eine großes Transparent aufgehängt wird, fängt die Menge zu buhen an. Auf dem Plakat steht: "Für Demokratie, Meinungsfreiheit und Menschlichkeit - Erdoğan Not welcome." Ein Mann wirft einen kleinen Stein. Umstehende versuchen, die Lage zu beruhigen, es gelingt ihnen nicht. 'Nazis raus' wird gebrüllt, die Situation droht zu kippen. Das Plakat ist nach fünf Minuten weg. Die Stimmung beruhigt sich kurz darauf, es wird wieder skandiert. Der Stein hat das Fenster getroffen, es ist zersprungen.

Zwei Kilometer von der Moschee entfernt sind die Machtverhältnisse umgekehrt, auf dem Ebertplatz demonstrieren Hunderte gegen den Erdoğan-Besuch. Die Alevetische Gemeinde Deutschland hatte zu dem Protest aufgerufen. Ihr Vorsitzender Hüseyin Mat sagt vor den fahnenschwenkenden Demonstranten: "Der Diktator Erdoğan und die von ihm verfolgte Politik verdienen einen solchen herausgehobenen Staatsempfang durch Bundespräsident Steinmeier nicht. Die AKP-Regierung unter Erdoğan wandelt die Türkei in einen totalitären Staat um." Die Kundgebung auf dem Ebertplatz ist die zweitgrößte angemeldete Demo an diesem Tag in Köln, wo mehr als 3000 Polizisten den türkischen Präsidenten und neun angemeldete Demonstrationen schützen müssen.

Kontroverse um die Rolle der Oberbürgermeisterin

Die Delegation des türkischen Präsidenten hat der Stadt unterdessen mangelnde Unterstützung vorgeworfen. Ein prominentes Mitglied der Delegation sagte, man sei "sehr enttäuscht". Insbesondere die Oberbürgermeisterin wurde kritisiert. Mustafa Yeneroglu, ein Erdogan-Vertrauter, hatte beklagt, dass Reker nicht bereit war, zur Moscheeeröffnung zu kommen. Erst am Freitag habe es eine erneute Einladung gegeben. In der per Bote überbrachten Note habe die türkische Seite der Oberbürgermeisterin auch offeriert, ein Grußwort im Namen der Stadt zu sprechen.

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Ein Sprecher der Stadt Köln wies die Vorwürfe zurück. Er bestätigte am Samstagnachmittag auf Anfrage der SZ zwar, dass am Freitag eine Einladung überbracht worden sei. Offenbar blieb dabei aber unklar, ob und wie lange Reker als Stadtoberhaupt hätte das Wort ergreifen dürfen. Der türkische Vorstoß sei zudem zu spät gekommen. Reker hatte angesichts der organisatorischen Unklarheiten bereits am Mittwoch eine Teilnahme enttäuscht abgesagt. "Wenige Stunden vor der Veranstaltung kann dieses Angebot nur als mindestens verspätet, wenn nicht als unseriös gewertet werden", schrieb Rekers Sprecher Alexander Vogel in einer Mitteilung. Wenn der Ditib-Verband ein "ernsthaftes Interesse" an der Teilnahme der Oberbürgermeisterin gehabt hätte, sei "in den vergangenen Wochen ausreichend Zeit gewesen, sie angemessen dazu einzuladen", heißt es in dem Statement.

Mit einer kleinen Verspätung landeten Erdoğans Flugzeug und zwei Begleitmaschinen schließlich auf dem Flughafen Köln/Bonn. Dort wurde er von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet begrüßt und kam mit ihm anschließend auf dem militärischen Teil des Geländes zu einem Gespräch zusammen. Auch Reker empfing den türkischen Präsidenten auf dem Flughafen, wie die Stadt Köln am Nachmittag bestätigte.

Doch nicht nur um die Rolle der Kölner Oberbürgermeisterin gab es Kontroversen, auch das Treffen mit Laschet stand unter schwierigen Vorzeichen: Der Ministerpräsident hatte seine Teilnahme an der Eröffnungsfeier der Moschee abgesagt, dann wurde das Ditib-Fest gestrichen - und es gab eine kurzfristige Ortsänderung für das Gespräch. Eigentlich war das Treffen zwischen Erdoğan und Laschet im Schloss Wahn nahe des Flughafens geplant. Der Eigner der Immobilie hatte die Nutzung jedoch kurzfristig untersagt; er stehe Erdoğans Politik kritisch gegenüber.

Laschet sagte im Anschluss an das Gespräch, er habe Erdoğan deutlich gemacht, dass "eine Normalisierung der politischen Beziehungen und eine Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen - für die es ein großes Potenzial gäbe", nur möglich sei, wenn die in Deutschland formulierten Sorgen über die inneren Entwicklungen ernst genommen würden. Das betreffe den Umgang mit der Religions- und der Pressefreiheit, insbesondere die "Verhaftungswelle, von der auch deutsche Staatsbürger betroffen waren".

Es sei ihm wichtig, im Gespräch zu bleiben, gerade weil in Nordrhein-Westfalen 500 000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit lebten, also etwa ein Drittel aller Türken in Deutschland. "Je angespannter die Zeiten sind, desto wichtiger ist der Dialog, auch der kritische", sagte Laschet. Das gilt wohl selbst dann, wenn der Dialog in einem wenig gastfreundlichen Flughafengebäude stattfinden muss.