Erdgasförderung in NRW "Von Risiken war nie die Rede"

In NRW könnte eines der größten Erdgasvorkommen Europas lagern. Der US-Energieriese Exxon Mobil will den Schatz heben - doch unter den Bürgern formt sich massiver Widerstand.

Von Maria Fiedler

Ein Bohrturm, mehrere hundert Lkw am Tag und ein wummerndes Dieselaggregat: Wenn es schlecht für ihn läuft, könnte das bald die Realität vor Markus Knäppers Wohnzimmerfenster sein. In Sichtweite zu seinem Haus in Nordwalde will die Firma Exxon Mobile eine Probebohrung durchführen, um herauszufinden, ob sich die Erdgasförderung im Münsterland lohnt.

Seit vergangenem Herbst wehren sich die Mitglieder der Bürgerinitiative Nordwalde gegen das Gasbohrvorhaben der Firma Exxon.

(Foto: Markus Knäpper)

Dort lagert möglicherweise eines der größten Vorkommen des fossilen Brennstoffs in Europa. Doch was in der Region anfangs als ein Garant für neue Arbeitsplätze und Millionen-Investitionen der Gaskonzerne galt, stößt jetzt auf Widerstand in der Bevölkerung. In Nordwalde, wo Exxon Mobil eine Genehmigung für eine Probebohrung erwirken will, macht eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben mobil.

Doch nicht nur in Nordwalde trifft der Mineralölkonzern auf eine Protestbewegung. Bislang haben die Geologen des Unternehmens noch zwei weitere Orte in Nordrhein-Westfalen für Probebohrungen ausgesucht - und auch dort haben sich innerhalb kurzer Zeit Bürgerinitiativen gegen das Vorhaben gegründet. Ein Bohrprojekt der BASF Tochter Wintershall stieß im Märkischen Kreis in NRW ebenfalls auf Widerstand. Jüngstes Mitglied der Bewegung ist das nordrhein-westfälische Hamm, wo am heutigen Donnerstag eine Bürgerinitiative gegen eine Gas-Probebohrung der Stadtwerke gegründet wird. Der Grund für den geballten Widerstand: Die Bürger fürchten giftige Chemikalien in ihrem Grundwasser, denn die Methode mit der das Gas gefördert werden müsste, empfinden sie als hochgefährlich.

"Weil das Gas tief in den Poren des Gesteins sitzt, fließt es nicht wie sonst von selbst heraus", sagt Matthias Reich von der Bergakademie Freiberg. Deshalb müsste ein neues Verfahren angewendet werden, das feinste Risse in den tiefen Gesteinsschichten erzeugt und damit die Ressourcen zugänglich macht. Beim Fracking (engl. hydraulic fracturing) wird unter hohem Druck ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Erde gepumpt.

Diese Chemikalien wollen die Bürger in Nordwalde auf keinen Fall in ihrem Grundwasser haben. Da beruhigt auch die Tatsache nicht, dass sie im sogenannten Frackwasser nur sehr stark verdünnt vorkommen. Schäume, Säuren, Korrosionsschutzmittel und Gele werden in die Tiefe gepresst und später mit dem Frackwasser teilweise wieder zurück an die Oberfläche geholt. Auch radioaktive Abfallstoffe, die mit dem Frackwasser aus der Erde hinausbefördert werden, machen Bürgern wie Markus Knäpper Sorgen.

"In der Tiefe gibt es natürliche radioaktive Stoffe. Es ist praktisch unvermeidbar, dass sie mit abgepumpt werden", erklärt Reich, der Experte für Tiefbohrtechnik ist. Die radioaktiven Stoffe lagern sich dann zum Beispiel in Schlämmen und in Förderrohren ab. Diese Rückstände müssen fachgerecht entsorgt werden. Mathias Elshoff von der Bürgerinitiative in Nordwalde kritisiert aber, dass die gesetzliche Meldemenge der Rückstände pro Jahr bei 2000 Tonnen liegt. Wenn Exxon sich unter diesem Grenzwert bewegt, ist laut dem Bundesamt für Strahlenschutz keine Überprüfung der normgerechten Entsorgung notwendig. Laut Exxon ist die Strahlendosis, die von den Rückständen ausgeht, ohnehin vollkommen ungefährlich - vergleichbar mit der Strahlenbelastung, der man während eines Atlantikfluges ausgesetzt ist.

Mit Hochglanz-Prospekten und Informationsveranstaltungen hatte Exxon am Anfang die Bürger in der Region von dem Projekt überzeugen wollen. Die Stimmung sei lange Zeit pro Exxon gewesen. Das Unternehmen hatte schließlich viele neue Arbeitsplätze in Aussicht gestellt. "Von den Risiken war allerdings nie die Rede", sagt Elshoff. Doch nachdem immer mehr Bürger von den Gefahren des Bohrvorhabens erfahren haben, ist die öffentliche Meinung gekippt. Mittlerweile seien laut einer Zeitungsumfrage fast 80 Prozent der Bürger gegen das Bohrvorhaben, so Elshoff.