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Erdbeben in Japan: Augenzeuge im AKW:"Die stehen einfach da und warten"

Der deutsche Ingenieur Gordon Huenies hat das Beben im Atomkraftwerk Fukushima-1 miterlebt. Schilderungen eines Reaktortechnikers, der die Naturkatastrophe erlebt hat - und dann noch rechtzeitig ausgereist ist, bevor es zum Super-GAU kam.

Angelika Slavik, Erlangen

Es gibt wenige Menschen, die sich mit ihrem Beruf so identifizieren wie Gordon Huenies. Der 34-Jährige ist Techniker. Experte für "zerfallresistente Werkstoffe", um genau zu sein - und offenbar hat er ziemlich viel Vertrauen in seine Arbeit und die seiner Zunft.

Pressekonferenz beim Stromkonzern Areva NP GmbH

Nach seiner Rückkehr aus Japan interessieren sich die Medien für Gordon Huenies (rechts). Er erlebte das Beben hautnah mit - im Atomkraftwerk Fukushima.

(Foto: dapd)

Als am vergangenen Freitag in Japan zum ersten Mal die Erde bebte, war der Deutsche mit neun Kollegen mittendrin im Atomkraftwerk Fukushima. Er sollte dort Schweißnähte überprüfen, im Reaktorblock 4. In jenem Teil des Kraftwerks also, das für Wartungsarbeiten gerade abgeschaltet war. "Man wird schon ordentlich hin- und hergworfen bei einem Beben dieser Stärke", sagt Huenies. Er habe dann schon Angst gehabt, "im ersten Moment". Dann aber "erinnert man sich, dass man in einem Gebäude ist, das erdbebensicher ausgelegt ist. Wenn es erdbebensicher ist, dann passiert auch nichts."

Huenies sitzt jetzt in einem fensterlosen Raum in der deutschen Firmenzentrale seines Arbeitgebers, des Kraftwerkherstellers Areva in Erlangen. Es ist nun doch einiges passiert, deshalb gibt er eine Pressekonferenz. Weil alle wissen wollen, was das für ein Gefühl ist - davongekommen zu sein.

Das Ausmaß der Zerstörung habe er sich zunächst gar nicht vorstellen können, erzählt Huenies. Zumal auch die japanischen Mitarbeiter des Atomkraftwerks während des Bebens völlig ruhig geblieben wären. "Die stehen einfach da und warten, bis es vorbei ist. Also stellst du dich auch hin. Und wartest, bis es vorbei ist." Im Kontrollraum des Reaktors Nummer 4, in dem er gearbeitet habe, seien zunächst auch keine Schäden sichtbar gewesen.

Erst beim Verlassen des Gebäudes habe er einen ersten Eindruck von der Verwüstung bekommen: Die Straßen waren unbefahrbar, das Mobilfunknetz zusammengebrochen. Wegen des herannahenden Tsunamis habe man ihn, seine deutschen Kollegen und Tausende andere Mitarbeiter des Kraftwerks in Sicherheit gebracht - sogar dabei seien die Vorschriften, etwa für die Schutzkleidung, penibel eingehalten worden. "Die Disziplin war wirklich beeindruckend."

Unmittelbar danach sei auch überprüft worden, ob bei ihm eine radioaktive Verseuchung stattgefunden habe. "Das war aber nicht der Fall", sagt Huenies. Es klingt ziemlich technisch. Die Heimreise danach geriet zu einer mehr als 50 Stunden dauernden Odyssee, quer durch das Katastrophengebiet. Seit Donnerstagnacht habe er nicht geschlafen, erzählt er. Ob er sich nach dem langen Aufenthalt in der Region noch einmal auf Verstrahlung habe testen lassen? "Nö." Ob er denn keine Angst vor einer Kontamination habe? "Das Gerät hat gesagt es ist nichts, also ist nichts", sagt er.

Der Glaube an die Technik scheint unerschütterlich, im Leben des Gordon Huenies.

© SZ vom 15.03.2011/jab

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