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Entwicklungsminister Müller in der Ukraine:Gutes tun und darüber sprechen

German aid for Ukraine

Inspiziert die Hilfslieferung aus Deutschland höchstpersönlich: Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).

(Foto: dpa)

Die Menschen in der Ostukraine brauchen dringend Hilfe für den Winter: Die erste Lieferung aus Deutschland ist angekommen. Ebenso wie Entwicklungsminister Müller, der die Hilfe medienwirksam auspackt.

Von Michael Bauchmüller, Charkiw

Sergej Botschkowskij muss nicht lang nachdenken, die Zahl kennt er ganz genau: 105 652. So viele Flüchtlinge habe man bisher allein in Charkiw untergebracht, sagt der Chef des ukrainischen Katastrophenschutzes, sie flohen vor dem Bürgerkrieg. "Wir hatten überhaupt keine Erfahrung mit so einer Situation, alles war neu", sagt er. 105 652 Flüchtlinge - und der Winter kommt erst. Zum Glück sei da ein ganz neuer Patriotismus entflammt, sagt Botschkowskij, ein kleiner Mann mit kurz geschorenem Haar in einer reich dekorierten Katastrophenschutz-Uniform. "Die Bevölkerung hilft gerne." Und nicht einmal nur die der Ukraine.

Am Dienstag ist Gerd Müller angerückt, der Entwicklungsminister aus Deutschland, oder, wie Müller selbst gerne sagt, "vom Nachbarn des Nachbarn". Es gehe darum, den Flüchtlingen für den Winter eine Perspektive zu bieten, sagt der CSU-Mann. "Darum haben wir uns entschieden, zu helfen." Manchmal klingt es fast so, als wolle Müller am liebsten selbst die Feldbetten zusammenschrauben. "Wir müssen anpacken, und den Menschen helfen" solche Sachen sagt der Nachbar vom Nachbarn in der Ukraine. Denn um Symbole, um Bilder, geht es auch hier, kein Zweifel.

Manchmal klingt es fast so, als wolle Müller am liebsten selbst Feldbetten bauen

Dass nämlich ein Mitglied der Bundesregierung gleich höchstpersönlich eine Hilfslieferung in Empfang nimmt, passiert eher selten. Diese Lieferung aber ist auch eine Art Gegenentwurf zum umstrittenen weißen Hilfskonvoi, den Moskau im Spätsommer auf den Weg gebracht hatte. Es soll der Beweis sein, dass auch der Westen im äußersten Osten der Ukraine hilft, und zwar "nicht nur mit Mehlsäcken", wie Müller sagt. Insgesamt 200 Lastwagen mit Hilfsgütern schickt der Bund in die Ostukraine, mit Pullovern und Generatoren, Wasserkochern und Kühlschränken, medizinischem Gerät. Und mit Wohncontainern.

Einer davon ist für Valerij Kalinin und seine Familie. Im Sommer kamen sie aus Donezk, mit Zügen, Bussen, Hauptsache weg. "Um unsere Kinder zu retten, mussten wir fliehen", sagt er. Ob das Haus noch heil ist, weiß er nicht. Jetzt steht er auf einem planierten Platz am Rande der Millionenstadt Charkiw. Im Hintergrund rollen Walzen den Boden platt, während nebenan ein Kran einen offenen Container auf Schotterboden absetzt. Die Luft ist für einen Oktobertag überraschend mild, die Sonne scheint.

An die 400 Flüchtlinge sollen in den deutschen Containern einmal wohnen, auch die Familie aus Donezk darf einziehen. Und seit Müllers Besuch hält sie sogar das entsprechende Dokument in Händen, abgefasst in bestem Behördendeutsch: Ein Zertifikat über "das Recht der Familie Kalinin auf erstrangige Ansiedlung zwecks zeitweiliger Wohnsitznahme." Die Ikea-Schränke in der Küche sind schon vorinstalliert, nur die Wasserleitungen fehlen noch. Bis Dezember müssen die Kalinins noch wie Dutzende andere in einem Therapie-Zentrum wohnen, eine der bisherigen Behelfsunterkünfte. Und ja, eine "zeitweilige Wohnsitznahme" strebt auch Kalinin an, die Familie will gern zurück. "Wir hoffen", sagt er.

Tausende Flüchtlinge sind derzeit provisorisch untergebracht, doch viele dieser Unterkünfte werden bald nicht mehr taugen. Sie leben in Sanatorien oder Datschen, aber die werden im Winter nicht beheizt. Schon Ende dieser Woche sacken die Temperaturen ab, dann ist es mit dem milden Herbst vorbei. Ohnehin wird die Heiztemperatur in diesem Winter auf 16 Grad begrenzt - um die Gasvorräte zu schonen. Bislang sind insgesamt 370.000 Flüchtlinge offiziell gemeldet, Botschkowskijs 105.652 sind nur ein Teil davon.

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