Die Mangos fahren wie auf einer Rolltreppe nach oben, und Gerd Müller freut sich. Müller, ganz Mann der Tat, hat gerade vor Fotografen eine Obstkiste vor dem Fließband ausgeleert, nun streben die Mangos der Saftpresse entgegen. Müller mit Obstkiste, Müller mit Arbeiterin, Müller mit jungen Auszubildenden - wie wichtig Bilder für einen Entwicklungsminister sind, hat der CSU-Mann längst erkannt. Gerd Müller ist schließlich Deutschlands Beauftragter für die Weltrettung.
Milliarden stecken nicht im Marshallplan, dafür viele Versprechen
Bei den Mangos aber ist er ganz außer sich vor Freude. Einmal aus der Obstkiste, werden die Früchte im Innern großer Maschinen zu Saft, der Saft wiederum landet in Plastikflaschen, die wiederum sauber etikettiert und in Plastik verpackt die Supermärkte Ostafrikas erobern. Nicht weit von Kenias Hauptstadt Nairobi steht in der Kleinstadt Thika die größte Saftfabrik Kenias, Kevian. Hinter blitzblankem Edelstahl wummert hier so manche deutsche Maschine, finanziert auch aus Krediten der deutschen Entwicklungsbank DEG. "Genau so muss es gehen", sagt Müller. "Diese Fabrik brauchen wir hundertmal, tausendmal. Millionenmal brauchen wir die." So klingt das, wenn ein Gerd Müller richtig begeistert ist.
Es steckt ganz einfach vieles darin, was dem Allgäuer wichtig ist, was ihm gefällt. Da wären etwa die 360 000 Kleinbauern der Umgebung, bei denen das Obst eingesammelt wird. Die finden so nicht nur verlässliches Auskommen, sie werden auch das Obst los, ehe es in der Hitze Afrikas an Marktständen verfault.
Als Bauernsohn weiß Müller selbst, was verlässliche Lieferbeziehungen bedeuten. Und es steckt echte Wertschöpfung darin, denn aus Kenia kommen damit nicht nur reife Mangos, sondern fertig zubereiteter Saft. Auch Äpfel und Trauben verarbeitet die Fabrik, aus Tomaten macht sie Ketchup. In die Kameras des kenianischen Fernsehens sagt Müller: "Wir bieten gute Maschinen, und hier kommt der beste Saft der Welt raus." Zum Chef von Kevian sagt er: "Sie können stolz sein. Sie sind unser bevorzugter Partner für den Marshallplan."
Mit Afrika auf Augenhöhe - kein Land der Krisen, ein Land der Chancen
Zur Erinnerung: Marshallplan hieß nach dem Zweiten Weltkrieg das amerikanische Programm zum Wiederaufbau Westeuropas. Zwischen 1948 und 1952 flossen dafür 12,4 Milliarden Dollar über den großen Teich. Bei den Summen kann Müller nicht mithalten, aber der Name ist einfach zu schön. Kurzerhand hat er daraus einen Plan "mit" Afrika gemacht, nicht "für". Das verheißt Partnerschaft auf Augenhöhe, aber eben nicht das, was den ursprünglichen Marshallplan ausmachte: Geld für andere. Milliarden enthält der Plan des Ministers nicht, dafür aber belegt er sein Talent für Marketing. Kurzerhand hat Müller die Marke aus der Nachkriegszeit gekapert. Ein "integriertes Konzept für Afrika", so nennt es Müller. Ein "Scheinriese", urteilen Entwicklungsorganisationen.
Mindestens in Kenia kommt das Konzept gut an, bei einer Konferenz in Nairobi vorige Woche kriegt sich der Moderator gar nicht mehr ein vor Freude über den Plan "mit" Afrika, der Applaus ist groß. Dabei sind die Botschaften, die Müller zu seinem Plan verbreitet, gar nicht so angenehm. Sein Programm heißt Zuckerbrot und Peitsche, ganz kurz gefasst. Müller aber fasst sich nicht kurz, er redet lang. "Zusammen, gemeinsam gestalten wir die Zukunft!", ruft er dem Publikum zu. "Afrika ist nicht der Kontinent der Krisen und der Katastrophen, sondern der Chancen, der Jugend und des Wachstums." Oder den: "Wir brauchen afrikanische Lösungen, nicht deutsche oder europäische." Lauter Sätze, denen kaum zu widersprechen ist, die direkt aus einer Nichtregierungsorganisation kommen könnten, einer NGO. In solchen Momenten, und es gibt viele davon, klingt Gerd Müller wie die personifizierte NGO der Bundesregierung.