Süddeutsche Zeitung

Entwicklungshilfe in Afghanistan:Der Fluch der guten Tat

Mit dem Anschlag auf mehrere Entwicklungshelfer senden die Taliban eine fatale Botschaft: Ausländer sind in Afghanistan nicht erwünscht. Auch Helfer, Ärzte und Fachleute nicht. Für das Volk am Hindukusch ist das fatal.

Man wird wenige Menschen finden, die sich mehr um Afghanistan gesorgt haben als Tom Little. Tom Little war kein General, er war kein Staatsmann, er war auch nicht Chef der Weltbank. Er war ein einfacher Augenoptiker aus dem Bundesstaat New York, der fast sein gesamtes erwachsenes Leben in Afghanistan verbrachte: als Helfer, als einer, der an das Bessere glaubte. Little arbeitete in Afghanistan, als die Russen einmarschierten, er blieb auch während des Bürgerkriegs, er versteckte sich auch nicht vor den Taliban, als sie die Macht übernahmen. Seine eigenen drei Kinder zog er in Kabul groß. 2001 warfen ihn die Gotteskrieger aus dem Land, weil sie alle ausländischen Helfer draußen haben wollten. Aber Little kehrte zurück. Nun fand er den Tod, vermutlich durch die Hand der Taliban.

Unter all den Dutzenden Toten, die in Afghanistan täglich zu zählen sind, sticht das Schicksal des Optikers hervor, weil es einen Blick erzwingt auf die große Gruppe von Helfern, die überall im Land auf ihre Weise Frieden und Sicherheit bringen wollen. Ihr Wort wird am Ende wichtig sein, wenn es um eine Bilanz der Hilfe in Afghanistan geht. Ihr Beitrag ist maßgeblich dafür, ob und wie der Staat Afghanistan funktioniert. Zusammen mit Little wurden neun seiner Begleiter getötet - Amerikaner, Afghanen, Briten auch eine Deutsche. Niemals zuvor in Afghanistan wurden so viele zivile Helfer auf einen Schlag hingemetzelt. Alle gehörten sie zu dem Heer der NGOs, der sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen, von denen in Afghanistan mehr als 1400 gezählt werden und die Schätzungen zufolge 90 Prozent der nationalen Volkswirtschaft ausmachen - nimmt man das Drogengeschäft einmal aus.

Derart viele NGOs gibt es in Afghanistan, das sich mindestens vier Dachgesellschaften um ihre Koordination sorgen. Das zuständige Ministerium in Kabul hat nun ein paar der Organisationen verboten, weil sie ihre Helfer zu eindeutig missionarischen Zielen ins Land schickten. Die meisten aber mühen sich redlich: Studien beschäftigen sich mit der Arbeit der ehrenwerten Bataillone, da werden Ziele definiert, Werte formuliert, häufig auch im besten Helfer-Englisch soziologische Traumgebilde erstellt.

Nirgendwo auf der Welt verdichtet sich das Helfer-Gewerbe derart wie in Afghanistan, was mit dem immer gleichen Treibmittel zu tun hat: Geld. Die UN und die EU, Staaten und große Hilfswerke wie das Rote Kreuz sowie Ärzte-Gruppen setzen Milliarden um mit der Hilfe, sie finanzieren ihre üppigen Strukturen - und sie verderben auch den Markt. Afghanische Ingenieure verdienen bei den ausländischen Helfern ein Mehrfaches, als der eigene Staat ihnen bieten kann. Etwa 40 Prozent der Hilfsgelder bleiben in den Taschen der Organisationen - Honorare, Gehälter, Bürokratie. Etwa sechs Milliarden Dollar waren das nach seriösen Berechnungen in den ersten sieben Jahren seit der Vertreibung der Taliban. 15 Milliarden Dollar wurden in Hilfsprojekte umgesetzt. Nötig wären viel, viel mehr.

Von einem Schneeballsystem sprechen die Fachleute, weil Staaten ihre Hilfsorganisationen alimentieren, die das Geld an private Helfer weiterreichen, welche wiederum lokale Untergruppen mit der Arbeit beauftragen. Das System ernährt viele, es wird nicht wirklich überwacht, Geld versickert. Die afghanische Regierung wird jetzt mehr Geld über eigene Kanäle verteilen - ob das effektiver wirkt, und ob der Staat damit stabiler wird, darf bezweifelt werden. Und dennoch ist das System wichtig; ein besseres gibt es nicht. Der Tod der zehn medizinischen Helfer wird allerdings neue Zweifel aufkommen lassen, ob Afghanistan (sei es mit Militärkonvoi oder Maultier-Expedition) zu bessern sein wird. Die gute Tat wird nicht honoriert. Was für ein Land ist das also, in dem Ärzte ihr Leben lassen, weil sie ein paar Augentropfen verteilt haben?

Wachsender Fatalismus

Afghanistan ist (wieder einmal) verloren, wenn es auch von den Helfern aufgegeben wird; sie haben erfahrungsgemäß eine größere Durchhaltefähigkeit als das Militär, das auf die populäre Unterstützung zu Hause und in den Parlamenten angewiesen ist. Die Taliban haben den NGOs nun die brutale Botschaft übermittelt, dass auch sie im Land nicht erwünscht sind. Unter den Helfern wogt eine Debatte, ob die vielen Soldaten der eigenen Arbeit genutzt oder geschadet haben. Die Antwort der Taliban ist simpel: Es gibt keinen großen Unterschied zwischen Zivilsten und Uniformträgern. Es gibt nur Ausländer und die Gegner der Taliban, weil sie deren Verständnis von Gesellschaft und Modernität untergraben.

Der Wunsch nach einem Abzug der Soldaten wächst in den Entsendestaaten. Auch die zivilen Helfer werden in den Sog dieser Debatte geraten. Gerade hat eine private Organisation eine von einem Talib brutal entstellte Frau mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit zu einer Operation ausfliegen lassen. Gerade wurde ein deutscher Wächter einer amerikanischen Hilfsorganisation ermordet. Und nun das Schicksal von Tom Little und seinen neun Mitarbeitern. Ergibt sich das Heer der zivilen Helfer dem wachsenden Fatalismus? Es kann ihr Ziel nicht sein, die Arbeit von so vielen Jahren zerstört zu sehen.

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SZ vom 09.08.2010/bavo
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