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Entwicklungshilfe:Von wegen "Zero Hunger"

Die Wetterextreme nehmen zu. Schwere Stürme, wie hier vergangenes Jahr in Mosambik, zerstören Felder und treiben die Menschen in die Flucht.

(Foto: Themba Hadebe/AP)

Lange ging die Zahl der Hungernden zurück, seit fünf Jahren wächst sie wieder. Nun kommt noch Corona hinzu. Dabei ist das Vorhaben, solche Krisen komplett zu beenden, erklärtes Ziel der Vereinten Nationen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Arif Husain meldet sich aus Rom, er klingt verzweifelt. Covid-19 alleine wäre ja schon schlimm genug, sagt der Chef-Volkswirt des World Food Programme. "Aber wir haben Covid plus Klimawandel plus Konflikte plus Ungleichheit." Sein Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung liegt einen Monat zurück. Doch die Spuren der Pandemie haben sich seither nicht verflüchtigt, im Gegenteil. Weltweit haben Menschen ihre Arbeit verloren, vor allem im informellen Sektor. Zwei Milliarden Menschen sind hier weltweit beschäftigt. Nach Schätzungen der Weltbank könnten allein durch das Virus 115 Millionen Menschen zusätzlich in extreme Armut fallen. Wo Bauern wegen Corona Felder nicht bestellen konnten, wo ihnen das Geld für Saatgut fehlt, weil Märkte geschlossen wurden, da wirken die Folgen des Virus erst mit Verzögerung - bei der nächsten Ernte.

Selbst ohne Corona aber bleiben noch genügend Probleme, eben Klimawandel, Konflikte, Ungleichheit. Und ihr Geld haben die reichen Staaten gerade schon für die Pufferung der eigenen Corona-Folgen ausgegeben: 17 Billionen Dollar, rechnet Arif vor. "Das macht mir wirklich Sorgen", sagt er. "Da fragt man sich: Was bleibt für das nächste Jahr? Was fließt an Hilfe?"

An schönen Vorsätzen mangelt es auch im Kampf gegen den Hunger nicht. Unter den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen steht er an Nummer 2, gleich nach der Bekämpfung der Armut. Die Staaten haben sich nicht einfach nur vorgenommen, die Zahl der Hungernden bis 2030 zu senken. "Zero Hunger" ist das Ziel, gar kein Hunger mehr. Doch das Ziel rückt ferner statt näher, und das nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie.

Die Vereinten Nationen taxieren die Zahl der Hungernden derzeit auf 690 Millionen - fast neun Prozent der Weltbevölkerung. Binnen eines Jahres stieg ihre Zahl um zehn Millionen, binnen fünf Jahren um 60 Millionen. Seit 2014 geht die Zahl der Hungrigen wieder nach oben. Zwei Milliarden Menschen zählen die UN-Statistiker zur Gruppe jener, deren Versorgung "unsicher" ist, ein Anstieg um fast ein Viertel gegenüber 2014. Vor allem im Afrika südlich der Sahara und in Lateinamerika hat sich die Lage verschlechtert. Und das sind die Zahlen aus dem vergangenen Jahr. Das Coronavirus spielte da noch keine Rolle.

"Insbesondere Hitzewellen und Dürren führen zu teilweise gravierenden Ernteausfällen"

Jahrelang war es vor allem das Wirtschaftswachstum in Südostasien, das die Zahl der Hungernden verlässlich senkte - allen voran in China. Eine Revision der Daten im vorigen Jahr führte sogar zu einer nachträglichen Absenkung aller Zahlen seit 2000 - aber nur, weil die Statistik für China von zu vielen Unterernährten ausgegangen war. An den Steigerungen seit 2014 änderte das nichts. "Wenn der Trend anhält", so heißt es bei der Welternährungsorganisation FAO, "wird die Zahl der Hungernden 840 Millionen überschreiten bis 2030." Von wegen "Zero Hunger".

Wie kann das passieren, trotz aller Bekenntnisse der Staaten? Es sind, wie WFP-Chefökonom Arif Husain schon sagte, auch die Konflikte und der Klimawandel, die den Hunger verschärfen. "Insbesondere Hitzewellen und Dürren, gepaart mit Naturkatastrophen wie extremen Stürmen, führen zu teilweise gravierenden Ernteausfällen", sagt Christian Kroll, Co-Autor des im Juni 2020 erschienenen Sustainable Development Report. "So sorgt leider der Klimawandel auch für eine Zunahme des Hungers in vielen Ländern."

Fatale Wechselwirkungen verschärfen die Probleme. In dem Bestreben, möglichst viel aus den Äckern herauszuholen, haben sich auch in Entwicklungsländern Monokulturen breitgemacht, verbunden mit einer intensiven, wenig nachhaltigen Landwirtschaft. Das geht auf Kosten der Böden. Allein seit Mitte der Neunzigerjahre haben sich in Afrika 65 Prozent der Böden verschlechtert, sagt Marita Wiggerthale, Agrarexpertin bei der Entwicklungsorganisation Oxfam. Begünstigt wird das durch den Klimawandel, durch Dürren und Starkregen. "Damit aber schwindet auch die Resilienz, die Widerstandskraft." Wo aber Hunger grassiert und die Folgen des Klimawandels spürbar werden, wächst die Gefahr von Konflikten - für die Hungernden ein Teufelskreis. "Und zu all dem gesellt sich eine wachsende soziale Ungleichheit", sagt Wiggerthale. Während in Entwicklungsländern selbst in der Landwirtschaft die Konzentration der Märkte zunimmt, während vielerorts eine Mittel- und Oberschicht ein sattes Leben genießen können, wächst die Zahl derer, die von der Hand in den Mund leben. Das verschärft Konflikte - und Hunger.

Oder gibt es am Ende einfach zu viele Menschen auf dem Planeten, um alle zu ernähren? Eine Gruppe um die Klimaforscher Johan Rockström und Hans Joachim Schellnhuber ging dieser Frage unlängst in einer Studie nach. Ergebnis: In einer Welt mit nachhaltiger Landwirtschaft und ebenso nachhaltigem Konsum ließen sich mühelos mehr als zehn Milliarden Menschen ernähren. Eine Landwirtschaft dagegen, die sich selbst ihrer natürlichen Grundlagen beraubt, könne auf Dauer nur Lebensmittel für 3,4 Milliarden Menschen bereitstellen. Die Folge wäre massenhafter Hunger, wie die Welt ihn noch nicht gesehen hat.

Noch ist es so weit nicht. Oxfam-Expertin Wiggerthale hat, aus öffentlich zugänglichen Daten, die globalen Lagerbestände an Getreide, Mais, Reis erhoben. Die Lager, so fand sie heraus, sind voll wie seit 50 Jahren nicht.

© SZ vom 10.10.2020/jael
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