Entwicklungshilfe:Bequem, aber wirkungslos

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Ein Bauer arbeitet auf einem Feld in Eldoret, 400 Kilometer westlich von Kenias Haupstadt Nairobi. Die afrikanische Wirtschaft soll eigenständiger werden.

(Foto: REUTERS)

In den Ländern Afrikas fließt Geld in Strukturen, die seit Jahren nicht funktionieren und nur selten reformiert wurden. Davon profitieren hauptsächlich die Regierenden, die selbst für das größte Elend verantwortlich sind. Warum trotzdem alle die Entwicklungshilfe für etwas Gutes halten und was Afrika wirklich braucht.

Ein Gastbeitrag von Volker Seitz

Was hat die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in mehr als 50 Jahren in Afrika erreicht? Welche Wirkung hatten die Milliarden für die Menschen - und wurden die eigenen Potenziale der Länder nicht genügend gefordert, weil einfach zu viel Geld von außen geflossen ist? Sicher es gibt Fortschritte. Aber besser als schlecht bedeutet nicht gut.

Natürlich ist Afrika keine zusammenhängende Einheit. Dennoch ähneln sich die Probleme der Staaten und Menschen südlich der Sahara. Die Diskussionen innerhalb der Entwicklungspolitik umgehen allerdings grundlegende Fragen peinlich oder schließen sie gleich kategorisch aus. Eine Hilfe kann aber nur erfolgreich sein, wo Verwaltungs-und Rechtsstrukturen einigermaßen gesichert sind. Einzelne Hilfsprojekte mögen sinnvoll sein. Aber Projekte ersetzen keine Strukturen.

Zu den schärfsten Kritikern der gegenwärtigen staatlichen Entwicklungshilfe gehören Afrikaner wie der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der ugandische Journalist Andrew Mwenda, der Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey aus Ghana, sowie der südafrikanische Publizist Moeletsi Mbeki. Sie wollen, dass ihre Länder nicht mehr abhängige Opfer und Bittsteller sind. Sie wollen die Solidarität des reichen Nordens, als Hilfe in unverschuldeter Not.

Soziales Netzwerk Afrika

Solidarität aber kann es nur geben, wenn beide Partner eigenverantwortlich handeln. Im Norden will man aber nicht verstehen: Politik hat in vielen Teilen Afrikas nichts mit Überzeugungen und Gemeinwohl, sondern alles mit Klientelismus und schamloser Bereicherung zu tun. Politik hat dort mit der Zugehörigkeit zu einer Ethnie zu tun, mit Identität. In Afrika ist jeder in ein soziales Netzwerk mit all seinen Verpflichtungen eingebunden. Hilfe fließt in Systeme, die seit Jahren nicht funktionieren und nur selten reformiert wurden. Von Hilfe profitieren hauptsächlich die Regime, die jetzt schon für das größte Elend die Verantwortung tragen.

Maßgebend sollte aber nicht das Bemühen der Entwicklungshelfer, sondern der Erfolg sein. Es kann sich richtig lohnen, vom Mitleid und von steter Fürsorge zu leben. Fragen nach Ursachen, weshalb Entwicklungsprojekte scheitern, sind unbequem. Viel einfacher ist es, mehr Geld zu fordern; doch einfach Geld zu geben, bedeutet, die Probleme zum immer höheren Preis fortzuschreiben. Entwicklungshilfe ist ein Geschäft, von dem allein in Deutschland etwa 100.000 Menschen leben. Entwicklungshelfer im Ausland zahlen oft keine Steuern. Sie haben ein wesentliches Interesse daran, für den Rest des Arbeitslebens in der Entwicklungshilfe zu bleiben. Die Arbeitsplätze der Helfer hängen von der Fortsetzung der Hilfsprojekte ab.

Eliten, die das Volksvermögen rauben

Wohltätigkeit besiegt nicht die Armut. Nichts ist gegen spontane Solidarität nach verheerenden Naturkatastrophen zu sagen, nichts gegen Spenden für Nothilfe. Aber in der Entwicklungshilfe müssen wir den Mut haben, einen einmal eingeschlagenen Weg als falsch zu erkennen und umzukehren. Der Weg der Entwicklungshilfe war für viele Länder in Afrika falsch, vielleicht nicht generell, aber sie hat nicht das bewirkt, was beabsichtigt war.

Meines Erachtens ist Ermutigung und Stützung der Eigenverantwortung das beste Rezept, um bescheidenen Wohlstand zu schaffen. Die Betreffenden müssen es allerdings auch wollen. Afrika wird erst dann ein Hoffnungskontinent, wenn es ernsthafte wirtschaftliche Reformen, eine Öffnung der innerafrikanischen Märkte, bessere Investitionsgesetze, Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitssystem und vor allem keine Eliten mehr gibt, die das Volksvermögen rauben und ins Ausland transferieren.

Ein Gutteil der Entwicklungshilfe, die wir in der Vergangenheit in Afrika an den Mann zu bringen versucht haben, hat nicht den gewünschten Effekt erzielt, weil sie die Menschen in Afrika in ihrer Unselbständigkeit bestärkt haben. Das System der Hilfe ächzt hinten und vorne, aber es wird gegen jede Kritik abgedichtet. Die Betreuungsindustrie hat die Tendenz, den Afrikanern vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Der weitverbreitete Paternalismus, die Neigung, besser als der Betroffene zu wissen, was gut für ihn ist, entmündigt die Menschen. Warum wird den Afrikanern immer wieder eingeredet, dass sie ihre Probleme nicht selbst lösen könnten?

Regieren in Afrika heißt Improvisieren und Durchwursteln

Erst wenn wir nicht mehr das Wunschbild verbreiten, dass sich Entwicklung von außen steuern lässt, wird sich etwas ändern. Es gibt keine überzeugenden Argumente für immer mehr Hilfe, wenn die Impulse für Entwicklung nicht aus dem Land selbst kommen. Regieren in vielen Ländern Afrikas ist ein ständiges Improvisieren und Durchwursteln. Heute schaffen diese Eliten durch Nichtstun etwa in der Landwirtschaftspolitik erst die Probleme, zu deren Lösung sie danach die westlichen Steuerzahler auffordern.

Eigene Ideen statt Fremdförderung

Entwicklungshilfe, ob sie nun den Empfängern nutzt oder nicht, ist leider positiv besetzt, sodass die Verantwortlichen ganz offensichtlich nicht bereit sind, etwas zu unternehmen. Das Afrikabild wird immer mehr von den sich selbst erhaltenden Hilfswerken geprägt.

Mehr als je zuvor wäre es dringend nötig, die gesamte Entwicklungshilfe auf den Prüfstand zu stellen, doch sollte man das endlich ideologiefrei, unvoreingenommen und ohne politische Vorgaben wirklich unabhängigen Fachleuten überlassen. Man würde dann vielleicht merken, dass Entwicklungshelfer in der Vergangenheit den Afrikanern die Fähigkeit zum eigenen Engagement abgewöhnt haben.

Afrika braucht starke Persönlichkeiten mit Selbstbewusstsein und dem Willen zu handeln. An erster Stelle sollten eigene Ideen und nicht die Fremdförderung stehen. Hilfe sollten nur noch Länder bekommen, die sich nachweislich anstrengen, ihre Schwierigkeiten selbst zu beseitigen. Wir sollten endlich umdenken und künftig nur noch dort Hilfe leisten, wo sich Regierungen ihren Bevölkerungen verpflichtet fühlen und wo Förderung der Bildung und Ausbildung absoluten Vorrang hat. Dann sollten Wege für zeitlich begrenzte Hilfen beschritten werden.

Wann hören wir endlich auf Afrikaner wie den südafrikanischen Wirtschaftswissenschaftler Themba Sono? Er sagt: "Die afrikanischen Länder haben bisher stets eine Politik der Sammelbüchse betrieben und immer nur gebettelt: mehr Hilfe, mehr Hilfe, mehr Hilfe. Genau das muss sich ändern, kann sich aber nicht ändern, solange die großen Länder selbst die Bedeutung der Entwicklungshilfe betonen." Und wir müssen uns eines Tages fragen lassen, warum wir wider besseres Wissen die korrupten alten Männer, die teils jahrzehntelang Macht und Kontrolle über die Bevölkerungen hatten, so lange unterstützt haben.

Volker Seitz, 70, war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das Auswärtige Amt tätig, davon 17 Jahre in Afrika, zuletzt als Botschafter in Kamerun.

© SZ vom 23.07.2013/ratz
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