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Energiewende:Aufklärung und Aufgaben

fridays for future

Enttäuschte Hoffnung in der Hauptstadt: Am 20. September 2019 präsentierte die Regierung ihr Klimapaket – für die FfF-Aktivisten „ein Skandal“.

(Foto: Regina Schmeken)

Brauchen wir so etwas wie eine Ökodiktatur? Wie können wir Klimaleugnung enttarnen? Die Ökonomin Claudia Kemfert hat ein Klimabuch nicht nur für junge Leute geschrieben.

Rezension von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Sehr schön beschreibt Claudia Kemfert schon in der Titelage, worum es geht: am Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren, ab Montag anpacken und umsetzen. Es ist nicht ein Lehrbuch, aber sehr lehrreich. Voll von Gedanken, was man jetzt schon tun kann. Aber nicht die leicht alberne Journalistenfrage "Was würden Sie in den nächsten 24 Stunden tun, um dem Klima zu helfen?"

Denn in der Hauptsache geht es hier um Politik. Das wissen die jungen Fridays-for-Future-Protestierer genauso gut wie die Vertreter der Fossilindustrie in Australien, Russland, den USA oder Saudi-Arabien. Oder in der Lausitz und im angrenzenden Polen: Bei den Fossilen will man die Politik hindern, das zu tun, was dem Klima hilft. Bei den jungen Demonstranten das Gegenteil. Claudia Kemfert ist auf deren Seite. Gut so!

Die Energieökonomin weiß, dass die für die Klimastabilisierung demonstrierenden jungen Leute auch Aufklärung über die Politik brauchen. Aufklärung über die Tricks der Lobby und der Leugner, über die beabsichtigte Schwäche der Umweltministerien, über verlogene Konzernberichte (in denen die Schmutzbeiträge der Zulieferer nicht vorkommen), über die rechtliche Möglichkeit von Bürgerbeteiligung, über den Zusammenhang zwischen raffinierten Rechtspopulisten und Klimaleugnern.

Aufklärung ist aber nicht immer bequem. Was besonders unbequem ist, ist die Tatsache, dass viele Millionen Arbeitsplätze gefährdet würden, wenn man abrupt mit dem Klimaschutz Ernst machen würde.

Der Verkehrssektor ist der stetigste Wachstumssektor und beschäftigt bei uns etwa 1,5 Millionen Personen. Und es ist der Sektor, der (bis zur Corona-Krise) die Verwirklichung der deutschen Klimaziele am stärksten torpediert hat. Und in der Politik schlägt das Argument Arbeitsplätze fast immer jede ökologische Zielsetzung.

Wie kann eine sozial verträgliche Energiewende aussehen?

Das Buch ist schlagwortartig aufgebaut, sehr gut lesbar, spricht junge Leute an, Leute, die eher im Tablet lesen als in Büchern. Die 500 Fußnoten sind im Buch gar nicht abgedruckt. Aber es gibt sie als E-PDF.

123 Minikapitel mit 123 Fragezeichen bilden die Grundstruktur. Fragen wie: Brauchen wir eine Ökodiktatur? Wie können wir Klimaleugnung enttarnen? Effizienz, Suffizienz und Konsistenz: Was ist die richtige Strategie? Wie könnte ein Rat für Generationengerechtigkeit aussehen? Wie ginge eine sozial verträgliche Energiewende? Welches Detail aus dem Windenergiegesetz könnte eine große Wirkung haben? Und: Wie funktioniert der Green Deal der EU? Ein sehr gutes Kurzkapitel, aber vor der Corona-Krise geschrieben.

Claudia Kemfert: Mondays for Future. Freitag demonstrieren, am Wochenende diskutieren und ab Montag anpacken und umsetzen. Murmann-Verlag, Hamburg 2020. 200 Seiten, 18 Euro (erscheint am Dienstag, 21. April).

Zum Schluss kommen dann 53 Aufgaben für den Anfang. So etwa: Anerkenne die Fakten zum Klimawandel! Werde Pionier! Wirke politisch - zum Beispiel in deiner Familie! Lerne, welchen Medien du vertrauen kannst.

Die Fakten zum Klimawandel kommen im Buch etwas kurz, das ist aber erlaubt, denn die kann man überall abgreifen, auch im Smartphone. Auch die internationale Spannung kommt etwas kurz: Die Mehrzahl der Entwicklungsländer finden Wirtschaftswachstum definitiv wichtiger als Klimaschutz, und wenn Wachstum klimaschädlich ist, dann ist das halt so. Sollen erst mal die Reichen was tun und uns Geld geben, damit wir uns an den von ihnen verursachten Klimawandel anpassen können.

Es wird bald der Tag kommen, wo man sich an den "Montagen für die Zukunft" in erster Linie an die Lösung dieses schwelenden Nord-Süd-Konflikts heranmachen muss. Im Norden wie im Süden.

Insgesamt ein sehr erfreuliches, sehr praktisches, sehr politisches Buch.

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Biologe und war Universitätspräsident, Gründungspräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie sowie Bundestagsabgeordneter (SPD), dort auch Vorsitzender des Umweltausschusses.

© SZ vom 20.04.2020/odg
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